Zompe gucken – Badende bestaunen

Der Berkelaktionstag will über die Grenzen wirken

• Anrainerstädte Billerbeck, Coesfeld, Gescher, Stadtlohn und Vreden laden ein
• Die Berkel als kulturhistorische Achse und Heimat erleben
• Umfangreiches Programm in Coesfeld

Coesfeld, 14.08.15 (hlm). Umbruchstimmung und nachhaltig wirkende Projekte hat die Regionale 2016 in den vergangen fünf Jahren angestoßen. Sie auf den Weg gebracht oder begleitet diese. Nicht mit der Brechstange, sondern mit Beteiligung der Bürger. Zu Beginn des Regionale-Prozesses suchten die Akteure eine Klammer – ein Verbindungselement für die Region. Ein Element ist die Berkel. Der Fluss, über dessen Brücken ungeahnt Menschen zwischen dem nördlichen und südlichen Westmünsterland pendeln. Denn das tut sie – die Berkel: Sie halbiert den Naturraum in zwei fast gleich große Teile.

Die Berkel halbiert den Naturraum Westmünsterland in den nördlichen und südlichen Teil (Grafik hlm)

Die Berkel halbiert den Naturraum Westmünsterland in den nördlichen und südlichen Teil. (Grafik hlm)

Für die fünf Anrainerstädte im Westmünsterland ist der Fluss der rote Faden. „Ein Stück Heimatgeschichte und eine kulturhistorische Achse“, wie sich Michael Führs (Reginale 2016) für die Berkel begeistert. Der Begeisterungsfunke soll am 30.08.15, dem gemeinsamen Berkelaktionstag, überspringen. Dann stellen alle Städte von Billerbeck bis Vreden ihren Berkelabschnitt ins Rampenlicht. Auf den ersten Blick sind es pro domo – Veranstaltung – Selbstinszenierungen vor der eigenen Haustüre. Doch das täuscht. Um den Besuchern den roten Faden durch die Region als Bild im Kopf wachsen zu lassen, haben viele aktive Bürger im Hintergrund gewirkt. So hat sich zum Beispiel im März dieses Jahres die Kulturtraverse in Billerbeck an Tischen zusammengesetzt und über grenzübergreifende Aktionen gebrütet. In 2016 sind gemeinsame Kulturveranstaltungen geplant. Ein Teil der Ideen finden sich bereits auf dem Berkel-Aktionstag.
Im Rampenlicht werden natürlich an diesem Tag die Städte an sich stehen. Sie packen die Möglichkeit beim Schopfe, Bürger mit ins Boot zu nehmen. So wie in Billerbeck. Da wird der „Bootschafter“ – wie Führs in nennt– getauft. Bürgermeisterin Marion Dirks wird um 15 Uhr an der Kolvenburg die Flasche an der Bordwand des Nachbaus einer Berkelzompe zerschlagen. Jener Bootstyp, der am 05. März 1773 in Coesfeld an der Ölmühle erstmals anlegte, Handelswaren aus den Niederlanden löschte und Handelsgüter aus dem Westmünsterland in das Nachbarland schiffte.

Die Akteure des Berkel-Aktionstages wollen auf ihre Regioanle-Projekte aufmerksam machen und bieten  umfangreiches Programme am 30.08.15 an. (Fotomontage hlm)

Die Akteure des Berkel-Aktionstages wollen auf ihre Regionale-Projekte aufmerksam machen und bieten umfangreiches Programme am 30.08.15 an. (Fotomontage hlm)

Im niederländischen Borculo hat sich die Stiftung „De Berkelzomp“ den Erhalt dieser historischen Wasserroute auf die Segel geschrieben. Ein Fluss ist aber mehr als nur das Bett, dass es durchfließt. Er prägt einen ganzen Landschaftsabschnitt. Ein hautnahes Erlebnis verspricht der Berkelspaziergang mit Wanderführer Josef Räckers. Rund einhalb bis zwei Stunden geht es zu Fuß der Aue entlang bis zur Quelle hinauf. Startzeiten sind um 10 Uhr und 14 Uhr. Passend zu den Ankunftszeiten der Baumberger Bahn am Billerbecker Bahnhof, inklusive eines Fußweges von etwa 15 Minuten zur Kolvenburg – als Startpunkt der Spaziergänge.

In Coesfeld ist die Berkel sehr ambivalent. In der bogigen Umflut umfließt sie den Stadtkern. Sie vereint sich am westlichen Stadtende mit der Innenstadt-Berkel. Urbane Berkel wird der Abschnitt auch genannt. Er ist durch den städtischen Entwicklungsprozess im Laufe vieler Jahre immer mehr in den Untergrund verdrängt worden. Musste sich den Siedlungsbedingungen unterordnen. Diese Zweiteilung des Flusses ist kein Manko.

Da ist die Berkel. Kinder finden den Fluss unter dem Betondeckel in der Berkelgasse (Foto hlm).

„Da ist die Berkel.“ Kinder finden den Fluss unter dem Betondeckel in der Berkelgasse von Coesfeld (Foto hlm).

Es ist eine Chance, die mit dem Regionale-Projekt BerkelStadt genutzt wird. Während die Umflut mit seinem ihrem Nebengewässer, der Fegetasche, die ökologischen gesetzlichen Anforderung der EG-Wasserrahmenrichtlinie erfüllen kann, wird sich die Berkel im Stadtbereich als UrbaneBerkel teilweise aus seiner ihrer Untertunnelung befreien können, einen Erlebnis- und Entdeckungsraum, sowie einen Spazierweg bieten können. Einen Spaziergang der besonderen Art passt zum Aspekt „Wir wollen Brücken sichtbar werden lassen“. Anne Grütters verschafft genau die richtige Perspektive. Die Stadtführerin stampft mit Gummistiefeln durch die Untertunnelungen der Innenstadt-Berkel. Treffpunkt ist am Walkenbrückentor. Wer fit genug für diese Wassertour ist, sollte sich bis zum 26.08. zu einer der beiden Führungen (11 Uhr oder 15 Uhr) unter vhs@coesfeld.de anmelden.

Intensive Bürgerbeteiligungen im Vorfeld führten zu dem jetzigen Planungstand der UrbanenBerkel, der auf dem Berkelaktionstag an den Standorten Schlosspark, Berkelgasse und Davidstraße konzentriert präsentiert wird. In den letzten Wochen formierte sich eine Protestwelle. Engagierte Bürger setzen sich für den Erhalt der Bäume im Schlosspark und an den angrenzenden Straßenzügen ein. Im Rahmen der Umgestaltung des Schlossparks soll der Baumbestand verändert werden. Die von der Fällung betroffenen Bäume stellen die Stadtverwaltung und ein Vertreter des Planungsbüros Seebauer, Wefers und Partner gegen 13 Uhr vor und benennen die Gründe für die Maßnahmen.

Das letzte Bild der jüdischen Mitbewohner von Coesfeld vor der Deportation im Dezember 1941. Es soll die Vorlage für eine Gedenkstele im Schlosspark werden.

Der Schlosspark bietet nicht nur einen Ruhe- und Rückzugsraum. Er ist auch ein Ort an dem sich  historische Dramen abgespielt haben. Im Dezember 1941 wurden vor hier aus 19 jüdischen Mitbewohner von Coesfeld nach Riga deportiert. Das Bild soll die Vorlage für eine Gedenkstele im Schlosspark werden, für die sich das Riga-Komitee einsetzt. (Quelle B. Borgert: Coesfeld. Chronik der NS-Zeit)

Der Schlosspark soll nicht nur eine grüne Insel werden. Er soll auch zu einem Ort der historischen Erinnerung werden. Vor 74 Jahren brachten die Nationalsozialisten unter dem Vorwand einer Evakuierung 19 jüdische Coesfelder im Schlosspark zusammen und deportierten sie nach Riga. Der Arbeitskreis Riga-Komitee will mit einer Installation aus Edelstahl die jüdische Gruppe lebensgroß darstellen und das Bild vermitteln: „Sie sind mitten unter uns.“

Das Programm am Aktionstag zieht sich weiter flussabwärts entlang der UrbanenBerkel. In der Berkelgasse bekommt der Deckel ein neues Gesicht. Wenn auch nicht von langer Haltbarkeit. Die Kinder dürfen mit Kreide ihre Vorstellung zur Berkel und Wasser zeichnen. An einer Bildergalerie, die die Interkulturelle Begegnungsprojekte e. V. (IBP) gestaltet, ist die Versenkung der Berkel in den Untergrund durch die Stadtentwicklung nachgestellt. Mit einer Überraschung lockt der Geschäftsführer der IBP, Martin Althoff, noch in die kleine Gasse zwischen Schüppenstraße und Kuchenstraße: „Wir werden den Pedanten zur Badenden vorstellen.“ Dr. Christian Holtwisch, Bürgermeister von Vreden, fragt lachend: „Modell üppig?“ Es werden zwei Modelle favorisiert, die beide vorgestellt werden. Das lässt Althoff durchblicken.

Vieleicht wird der Traum der Badenden, die in Billerbeck, Coesfeld und Gescher steht bald wahr und sie bekommt einen Pedanten (Montage hlm).

Vieleicht wird der Traum der Badenden, die in Billerbeck, Coesfeld und Gescher steht, bald wahr und sie bekommt einen Pedanten (Montage hlm).

Die Berkel als großes Band für die Region zu sehen, ist für Kinder nicht greifbar. Der Kulturschaffende Michael Banneyer bietet es mit dem Berkelpass lokaler an. An den verschiedenen Stationen gibt es einen Stempel in den Pass. Am Ende lockt ein Preis in der Davidstraße.

Parallel zum Angebot der Stadt setzt die Deutsche Jugendkraft Eintracht Coesfeld (DJK VBRS) mit der Aktion „Coesfeld bewegt sich“ Laufbegeisterte vom Walkenbrückentor ab auf die Laufpiste entlang der Promenade. Und noch eine Veranstaltung wird die Stadt mit Kultur füllen. Die St. Lamberti Gemeinde feiert unter dem Motto „Wasser und Musik“ den Gemeindetag mit Aktionen auf dem Marktplatz und in der Jakobi-Kirche mit einem Orgelkonzert.

Gescher verspricht mit dem Programm einen Ruhepunkt. An der Alfers Mühle können sich die Besucher von Mitglieder des Angelvereins über das Leben in der Berkel informieren und das Wasserkraftwerk in Aktion erleben. Bürgermeister Hubert Efkemann verspricht eine rechtzeitige Ausweisung des Parkraumes. Obwohl es sicherlich reizvoller ist, den Tag zu einem Ausflug mit dem Fahrrad entlang des Berkelradweges zu nutzen. Der Fietzenbus oder die Bahn bieten bequeme Rückfahrtmöglichkeiten.

Feierstimmung gibt es in Stadtlohn. Die Übergabe des A-Stempels für das Regionale-Projekt „Die Berkel! Leben mit dem Fluss“ steht an diesem Tag an. Weiter Berkelabwärts nutzen die Vredener den Tag, um das Projekt „Kulturhistorische Zentrum“ in die Region strahlen zu lassen.

Die Berkel ist nicht nur ein Flüsschen vor der Haustüre. Sie ist ein gliederndes Element einer gemeinsamen Landschaft mit all seiner touristischen und kulturellen Magnetwirkung. Verbesserungen in jeder Stadt wirkt sich nachhaltig auf das gesamte Flusssystem positiv aus. Nicht nur ökologisch – auch ökonomisch. Es ist ein Band für die Region.

Das gesamte Programm zum Berkelaktionstag gibt es hier zum herunterladen.

  1 comment for “Zompe gucken – Badende bestaunen

  1. hlm
    15. August 2015 at 23:55

    Vielen Dank an Ulla Erben. Sie hat in Facebook auf Rechtschreibfehler im Artikel aufmerksam gemacht.

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