Beuys und die Zeichnungssammlung Klüser

Anne Vollenbröker legt Buch vor

Joseph Beuys und Bernd Klüser (links) 1984 in Basel (Photo und Copyright Kurt Wyss, Basel)

Coesfeld/München, 22.01.18. Der Künstler und sein Galerist blicken auf das Kernstück einer Installation, sind in Betrachtung und Gespräch vertieft, mit der glimmenden Zigarette in der Hand, was heute, in Zeiten des Nichtraucherschutzgesetzes, wohl nicht mehr „angesagt“ wäre. Dieses Foto in klassischem Schwarz-Weiß, das den berühmten Joseph Beuys und seinen Förderer Bernd Klüser 1984 in Basel zeigt, ziert als Titelbild eine besondere Veröffentlichung: Denn Anne Vollenbröker, 1979 im nahen Münster geboren und in Coesfeld aufgewachsen, hat eine sehr fundierte Abhandlung vorgelegt – genauer gesagt: Ihre Dissertation, die sie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe eingereicht hat, ist nun als Buch veröffentlicht worden, 324 Seiten stark.

In der Menschheitsgeschichte wurde zwischen Jägern und Sammlern unterschieden. In Bernd Klüsers Arbeit verbindet sich beides. Als Galerist verfolgte und prägte er die Strömungen in Kunstwelt und Kunsthandel; zusammen mit seiner Frau Verena, die studierte Kunsthistorikerin ist und wie er ursprünglich aus Wuppertal stammt, baute er über die Jahrzehnte in München eine einzigartige Kollektion von Zeichnungen auf. Lange Zeit lag der Schwerpunkt der Galerie- und Editionstätigkeit von Bernd Klüser auf einer überaus engen Kooperation mit Joseph Beuys (1921-1986). Bereits im Jahr 1970 verlegte der damalige Jurastudent zusammen mit seinem späteren Galeristenkollegen Jörg Schellmann erste Editionen des Künstlers; zahlreiche gemeinsame Ausstellungen, Projekte und Publikationen folgten.

Anne Vollenbröker beschreibt Dimension und Resultate dieser Zusammenarbeit, wobei sie sich auf die Zeichnungssammlung Klüser konzentriert und diese im Rahmen einer „Case Study“ erforscht. Dabei wird deutlich: Der Sammler setzt Werke in ihren originären oder in einen neuen Zusammenhang. Seine Sammlung wird nicht nur zur Schatzkammer, sondern selbst zur Kunst. Folgerichtig lautet der Untertitel des Buches: „Der Blick des Sammlers als Blick des Künstlers“. Der Akt des Sammelns bedeutet  mehr als nur Vervollständigung, Arrangement  und  Interpretation, er ist auch schöpferisch und maßstabsetzend zugleich: Die beiden Sammler werden somit zum Künstlerpaar. Und spiritus rector für Entstehung und inhaltliche Ausrichtung ihrer Sammlung ist Joseph Beuys selbst.

Der gebürtige Krefelder war ein Revolutionär der Moderne, der den überkommenen Kunstbegriff infrage stellte und die Gesellschaft als  Soziale Plastik verstand, an deren Gestaltung jeder Mensch mitwirken sollte.  Seine genialen Zeichnungen stellen ihn jedoch in den Kontext der Kunstgeschichte – scheinbar leicht hingeworfen und dennoch hoch konzentriert, meisterlich in der Erfassung, Analyse und Abstraktion von Form, Kontur und Struktur. Sie sind zudem die „Quintessenz der Vorstellungswelt des Künstlers“, wie Vollenbröker festhält.  Die Sammlung Klüser – und somit auch Vollenbrökers Arbeit – zeigt bemerkenswerte Querverbindungen auf: Sie stellt Beuys in eine Reihe mit anderen Größen der Kunst  aus ganz unterschiedlichen Epochen – wie Giovanni Domenico Tiepolo, Caspar David Friedrich, Max Beckmann oder Tony Cragg. Beuys’Schaffen, das hier mit 150 Werken vertreten ist, spielt dabei eine Hauptrolle, wird zum „Ordnungskriterium der Sammlung Klüser“, wie Anne Vollenbröker schreibt. Der Neuerer bricht nicht völlig mit der Tradition, geradezu dialektisch setzt er sich mit ihr auseinander und schöpft aus ihr.

Aufgabe der Kunsthistorikerin, in diesem Fall der Kulturwissenschaftlerin, ist es dabei, das Werk in Worten nachzuschaffen, es sprachlich zu erfassen. Denn sie ist keine Geschichtswissenschaftlerin, sondern orientiert sich stets an der visuell erfahrbaren Welt; das Kunstwerk selbst ist ihre „Quelle“. Anne Vollenbröker  widmet sich ihrem Thema überaus kenntnisreich und durchaus mit Akribie, jedoch ohne den Gesamtzusammenhang aus dem Blick zu verlieren. Die große gemeinsame Ära von Joseph Beuys, Verena und Bernd Klüser hat Vollenbröker, man blicke auf ihr Geburtsjahr, nicht bewusst erlebt. Doch ein intensiver Austausch mit dem Münchener Sammlerehepaar, aber auch ihr bisheriger Lebenslauf untermauern ihre Expertise. Ihr Studium der Kulturwissenschaften, Journalistik und Italianistik in Florenz und Leipzig schloss Vollenbröker 2008 mit der Magisterprüfung ab. Zuvor hat sie für die Collezione Peggy Guggenheim in Venedig (2004) und in der Galerie Eigen + Art in Berlin (2008) gearbeitet – um nur einige Stationen zu nennen. Seit einigen Tagen leitet sie die Geschäftsstelle der Stiftung Pinakothek der Moderne in München. Durch ihr Buch empfiehlt sie sich dafür.

Gastbeitrag von Christoph Hüsing


Buchtitel

Anne Vollenbröker: Joseph Beuys und die Zeichnungssammlung Klüser. Der Blick des Sammlers als Blick des Künstlers, Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston 2017; 69,95 EUR.

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