Cafe-Gespräch mit Kinderliedermacher Klaus Foitzik

Wenn der „Kleine Klaus“ nicht auf der Bühne ist, lebt er als Kinderliedermacher mit seiner Familie in Billerbeck und heißt Klaus Foitzik. Verschiedene bundesweit bekannte Kinderliederwettbewerbe begleiteten seine Musikerkarriere. So gehörte er 2004 und 2006 zu den Preisträgern des Nürnberger Kinderliederwettbewerbs. 2007 komponierte er gemeinsam mit einem 8-jährigen Mädchen das Lied „Die kleine Eule wollte fliegen“ und erreichte damit beim Kinderliederwettbewerb von WDR 5 und Unicef einen Platz unter den 19 Besten. Die Hörer der Radiosendung Lilipuz (WDR 5) hievten 2008 den Song „Gelbe Karte“ auf Platz 1 der Kinder-Charts.

In einem Cafe-Gespräch wollte Hartmut Levermann (HLm) mehr über den Menschen Klaus Foitzik erfahren.

Der Kleine Klaus im Integrativen Montessori-Kinderhaus Coesfeld (© Montessori-Kinderhaus Coesfeld 2010)

HLm: Mit ihren „Klausicals“ machen Sie Rock-Pop-Comedy-Theater für Kinder ab vier Jahren. Was genau sind denn „Klausicals“?

Foitzik: Meine Stücke kann man als Ein-Mann-Musicals bezeichnen. Und da ich auf der Bühne immer in die Rolle eines kleinen Jungen mit dem Namen „Klaus“ schlüpfe, nenne ich sie „Klausicals“ – Musicals über den „kleinen Klaus“.

HLm: Dabei sind Sie auch häufig in Kindergärten zu Gast. Sind diese Einrichtungen auch Ideenpools für Sie?

Foitzik: Ideen bekomme ich überall, wo Kinder sind. Ich brauche nur in die Stadt zu gehen und mich in der Fußgängerzone aufzuhalten. Da laufen Eltern mit ihren Kindern herum. Da spielen sich die ganz alltäglichen „Dramen“ ab. Zum Beispiel will ein Kind auf dem Hüpfpferd sitzen, aber die Mama will weiter gehen. Diese Szene kennt jeder. Das ist das Material, über das ich gerne schreibe

HLm: Mit dem Programm „Dschungel der Gefühle“ haben Sie die regionalen Grenzen überschritten und treten z.B. auch in Frankfurt auf. Doch kürzlich war der „Kleine Klaus“ im lokalen Raum unterwegs und hat auch das Integrative Montessori-Kinderhaus Coesfeld besucht. Gerade solche Einrichtungen arbeiten mit und über viel Gefühl. Hat die Kinder Ihr Programm angesprochen?

Foitzik: Auf jeden Fall! Kinder sind ja das pure Gefühl. Nur leider wird dies bei den Kindern immer früher gefiltert. Generell geht die Entwicklung dahin, dass die Kindheit immer kürzer wird – also die Zeit, in der Kinder frei und ungefiltert ihre Gefühle äußern und phantasievoll kreativ sein dürfen (und wollen!). Bei meiner Tochter habe ich das auch so erlebt. Mit 8 oder 9 Jahren ist sie auf Disney-Fernsehserien gekommen. Das guckten alle in ihrer Klasse. Die Stars in den Serien sind 12- bis 14-Jährige, mit denen sich die jüngeren Mädchen schon in der Grundschule identifizieren. Sie orientieren sich an viel älteren Kindern. Und wenn meine Tochter dann von einer Freundin nach Hause kommt und ich frage:“Na? Was habt ihr denn so gespielt?“, dann fallen plötzlich Sätze wie: „Papa, wir spielen doch nicht mehr!“ Obwohl sie noch immer ihre Barbies rausholen. Aber sie empfinden sich selbst anders: „Wir sind schon groß!“

HLm: Dann tragen unsere heutigen Medien zur Zerstörung der Kreativität von Kindern bei?

Foitzik: Ja, für die Medien sind die 8 bis 12-Jährigen einfach ideale Kunden. Die kaufen die Merchandising-Produkte wie Zeitschriften oder CD’s. Und damit sie das tun, wird ihnen z.B. in den Fernsehserien etwas geboten, wovon sie alle träumen. Siehe die Serie Hannah Montana: Darin ist ein ganz normales Mädchen in Wirklichkeit abends ein Popstar. Das wünscht sich jedes Mädchen: „Ich, der Popstar.“, „Ich, die Prinzessin.“. Genau das Thema verarbeiten die mit einer 14 jährigen Schauspielerin. Geguckt wird das aber von den 8 bis 12-Jährigen. Die sehen Stars wie Hannah Montana als Vorbild. Kindermusik ist dann schon nicht mehr cool genug – und so wird Kindern häufig das genommen, was ich anbiete: gemeinsam singen und Spaß haben, Musik und Lieder hören, die etwas mit dem wirklichen Leben der Kinder zu tun haben.

HLm: Das hört sich so an, als sei Ihr Tätigkeitsfeld, die Kindermusik, nicht gerade ein einfacher Bereich?

Foitzik: Die Kindermusik ist sowieso ein besonderer Bereich. Er hat als Kulturangebot nicht so viel Wert wie der Erwachsenenbereich. Kinderlieder, das ist eigentlich mehr Kinderbelustigung. Oder jetzt wird auch häufig von „Bespaßung“ geredet. Das macht noch deutlicher, welchen Zweck Kindermusik haben soll. Gefragt ist „Hier fliegen heut die Löcher aus dem Käse…“, Stimmung und Trallafitti! Um es etwas überspitzt zu formulieren: Es muss möglichst um Piraten und Hexen gehen und alle sollen mitklatschen und mit dem Po wackeln. In dem Bereich bewegt sich das. Es wird von Kinderliedern oder Kinderkultur nicht unbedingt erwartet, dass sie einen tiefer gehenden Sinn hat oder eine Bereicherung ist, die über den Unterhaltungswert hinaus geht.

HLm: Können Kinder die Texte verarbeiten, beziehungsweise nachvollziehen? Zum Beispiel die Liedtexte von Gerhard Schöne, die für manche Erwachsene etwas anstößig klingen. Oder die Lieder von Fredrik Vahle?

Foitzik: Bei den Kinderliedertexten gibt es ganz unterschiedliche Ansätze. Ich selbst gehe immer von dem aus, was Kinder tagtäglich erleben. Meine Texte erzählen zudem aus Kindersicht: von Mama und Papa, von der nervigen kleinen Schwester und dem Fußballspiel mit den Freunden.
Das genaue Gegenteil dazu ist Volker Rosin, der selbsternannte König der Kinderdisco, mit seinen Tanzalarm-Kids. Eines der erfolgreichsten Kindermusikprojekte zur Zeit. Da ist der Text zweitrangig – Hauptsache Stimmung und gute Laune! Das verkauft sich auf ähnliche Weise wie Hannah Montana. Die Kinder schauen zu den Tanzalarm-Kids auf und sagen: „Boh ey, die tanzen toll, die singen toll. So will ich auch sein!“
Frederik Vahle vertritt den klassischen Bereich der Kindermusik. Seine Lieder sind leicht verständlich, handeln häufig von Tieren, und es ging in ihnen auch manchmal darum, Kindern etwas zu vermitteln.
Detlev Jöcker schreibt für die ganz Kleinen – Dreijährige, vielleicht noch Vierjährige. Da ist es schön diese Texte zu haben, die sich viel wiederholen. Diese einfachen Melodien, Texte oder Lieder zu denen man sich bewegen kann.
Und Rolf Zuckowski hat seinen ganz eigenen Stil. Er muss auch ein ganz toller Mensch sein. Ich habe ihn persönlich noch nicht kennen gelernt, aber einige Kollegen haben mir erzählt, dass er offen und aufgeschlossen für alle Kindermusiker ist. Diese Offenheit spiegelt sich auch in seinen Texten wieder. Er zeigt darin einen guten Draht zu Kindern.

HLm: Musik verstehen Kinder, auch ohne Buchstaben lesen zu müssen, und sie löst unterschiedliche Gefühle bei ihnen aus. Sollten wir Eltern Kindern mehr Lieder vorsingen? Ich muss zugeben, ich habe oft Probleme damit, weil ich nicht textsicher bin.

Foitzik: Kinder sind dankbar für das Vorsingen und sie nehmen es auch nicht so genau, ob Text und Melodie richtig sind. Es kommt auf das Miteinander an, auf die gemeinsame Zeit! Und die ist heutzutage knapp genug.

HLm: Und wie sollten wir Eltern darauf reagieren, wenn sich Kinder ein Instrument wünschen?

Foitzik: Das kann man nicht pauschal sagen. Es kommt auf das Kind an, wie alt es ist, ob es sich gut konzentrieren kann. Und es kommt auf das Instrument an, das es lernen will. Als ich in der musikalischen Früherziehung gearbeitet habe, wollte ein Junge unbedingt Gitarre spielen lernen und wünschte sich sehnlichst das Instrument. Die Eltern sprachen mich an und wollten wissen, wie ich den Jungen und seinen Wunsch einschätze. Ich habe den Eltern angeboten nach der nächsten Musikstunde zehn Minuten länger zu bleiben. Ich brachte meine Kindergitarre mit. Der Junge nahm die Gitarre in die Hand. Ich zeigte ihm einen Griff. Er schlug die Saiten einmal an und sagte enttäuscht: „Das klingt ja gar nicht. Ich lerne doch was anderes.“. So ist das häufig. Die Kinder können nicht abschätzen, was es bedeutet, ein Musikinstrument zu lernen.
Toll ist es natürlich, wenn sowieso schon Instrumente zu Hause sind. Kinder können dann darauf spielen, wenn sie es wollen. Irgendwann kommt das Interesse und sei es mit 10 oder 11 Jahren. Das ist noch früh genug.

HLm: Was inspiriert Sie für Ihre Texte?

Foitzik: Ich greife gerne Geschichten aus dem Leben der Kinder als Grundlage für meine Texte auf. Und meistens geht es dabei um das Aufeinanderprallen von kindlicher Phantasie und erwachsener Vernunft. In meinem aktuellen Stück „Klaus räumt auf“ ist der kleine Klaus beispielweise damit beschäftigt, als Ritter gegen Monster zu kämpfen, während seine Eltern ihn dazu bewegen wollen, sein Zimmer aufzuräumen, weil Besuch erwartet wird. Das ist der Stoff, über den ich gerne schreibe – wo sich Kinder und Eltern aneinander reiben, wo Welten aufeinander prallen. So was regt mich an, da kommen Melodien und Texte fast von alleine.

HLm: Was finden Kinder an Ihren Texten?

Foitzik: Das, was ich auf der Bühne spiele und in meinen Liedern singe, ist das, was die Kinder tagtäglich mit ihren Eltern erleben. Wo sie sich bereits mit beschäftigen, ohne dass es ihnen bewusst ist. Die Beziehung zu den Eltern ist ja für Kinder was völlig Selbstverständliches. Wenn ich das auf die Bühne bringe, und vielleicht leichte Nuancen einbaue, die die Kinder nicht kennen, dann reagieren sie sofort darauf. Wenn der „Kleine Klaus“ auf der Bühne z.B. sein Zimmer nicht aufräumen will, dann wollen die Kinder im Publikum das aber. „Sonst schimpft doch die Mama!“, denken sie. Und dann übernehmen plötzlich die Kinder das Schimpfen. Plötzlich habe ich da 100 kleine Mamas und Papas sitzen! Doch wenn dann die Mama es mit einem Trick schafft, dass der „Kleine Klaus“ doch noch aufräumt, dann sind es plötzlich die Kinder, die mich darauf aufmerksam machen, dass Mama mich austrickst.
Aber auch wenn meine Stücke den Familienalltag widerspiegeln, haben sie nichts mit pädagogischen Zeigefinger zu tun. Ich spiele einfach nur aus der Perspektive der Kinder. Und daran haben Eltern genauso Spaß wie Kinder. Sie sagen: „Das ist wie bei uns zu Hause.“. Und für die Kinder bin ich für eine Stunde einer von ihnen – eben der „Kleine Klaus“.

HLm: Haben Sie auch schon mal von Eltern negative Kritik bekommen?

Foitzik: Oh ja, gerade an meinem ersten Stück haben sich manche gestoßen. Der zappelige „Kleine Klaus“ schmeißt aus Versehen beim Abendbrot ein Glas um. Ich bin dann auf der Bühne stinksauer. Und weil ich so sauer bin, weiß ich gar nicht, was ich machen soll. Tobe ich herum, bekomme ich Ärger mit Mama und Papa. Am liebsten würde ich sagen: „Ich hab die Schnauze voll!“. Und das mache ich dann. Ich zeige eben alles, was in einem Kind steckt: Da ist die Ausgelassenheit, die dazu führt, dass ein Glas über den Tisch segelt; da ist die Traurigkeit, weil Mama und Papa geschimpft haben, aber da ist auch die Wut darüber, ungerecht behandelt worden zu sein. Wichtig ist nur, einen Weg zu finden, die Wut so rauszulassen, dass es für alle passt. Und wenn man mal „Schnauze voll“ gesagt hat, dann tut das erstens keinem weh und zweitens kann man das mit einer Entschuldigung auch wieder in Ordnung bringen. Diese Facetten sind alle drin. Einige Eltern finden diese Sichtweise nicht gut. Ich finde es aber gut, dass sich die Leute daran gerieben haben. Dann ist mein Stück nichts Belangloses gewesen. Und wenn beim nächsten Abendbrot ein Glas umfällt, dann erinnern sich Kinder und Eltern sicher an den „Kleinen Klaus“ – und dann ist es vielleicht weniger stressig. Bei uns zu Hause ist es jedenfalls so, seit ich als „kleiner Klaus“ ein Glas über den Tisch segeln ließ – da kann ich bei meinen Kindern jetzt nicht mehr schimpfen ….

HLm: Haben Sie selbst ein Vorbild?

Foitzik: In der Kindermusik nicht. Der Berliner Künstler Dirk Zöllner ist ein Vorbild für mich. Weil ich seine Kraft in der Musik sehr mag. Als er noch mit seiner 8-köpfigen Zöllner-Band unterwegs war, hatte er einen vierstimmigen Bläsersatz dabei – super! Das gibt einfach einen totalen Druck in die Musik. Ich freue mich übrigens sehr, dass Dirk Zöllner auf meiner CD „Eins zu eins für Klaus“ ein Duett mit mir gesungen hat.

Ich feile sehr an meinen Arrangements. Aber da auch da habe ich kein Vorbild und bin ich auch stets im Wandel. Bislang habe ich meine Lieder meist sehr rockig arrangiert. Über die anfangs angesprochene Hannah Montana-Serie habe ich jetzt Zugang zur Countrymusic bekommen. Der Vater der Hannah-Schauspielerin Miley Cyrus ist Countrysänger. Deshalb tauchen in den Filmen häufig Stars aus dieser Szene auf. Das ist tolle Musik. Die arrangieren anders als ich das mache, und ich finde das momentan sehr reizvoll.

HLm: Was heißt arrangieren?

Foitzik: Man kann dasselbe Lied mit ganz unterschiedlichen Instrumenten begleiten – und die Entscheidung, welche Instrumente ich wie und wann im Song einsetze, das nennt man „arrangieren“. Die Countrymusiker arbeiten viel mit akustischen Instrumenten, wie Geigen oder akustischen Gitarren. Ich habe, wie Dirk Zöllner, auch häufig Bläser eingesetzt. Zum Beispiel auf der letzten CD „Farbe ins Leben“. Sonst arbeite ich viel mit E-Gitarren. Ich habe es auch gerne, wenn ein Gitarrensolo zu hören ist. Obwohl das im Kinderbereich immer so eine Sache ist. Da streiten sich die Geister. Es gibt renommierte Kinderliedermacher, die sagen, eine E-Gitarre hat in der Kindermusik nichts zu suchen. Damit „das Gehör nicht leidet“. Das sind dann eher die Puristen oder Traditionalisten in der Kindermusik. Da denke ich etwas anders. Ich finde akustische Instrumente genauso gut wie elektrisch verstärkte. Wichtig ist nur, dass was rüber kommt. Musik ist Gefühl, das muss man spüren können, egal mit welchen Instrumenten sie gemacht wird. Es gibt Leute, die machen mit akustischen Instrumenten Musik, die kommt super rüber. Mein Medium ist eben mehr die klassische Rockband mit E-Gitarre – bislang jedenfalls.

HLm: Kinderlieder im Countrystil, könnte es das nächste Projekt werden?

Foitzik: Ja, das ist durchaus möglich. Eine Geigerin habe ich bereits gefragt, ob sie Lust hat, mit mir Country-Lieder für Kinder zu machen. Und von den Texten her hat die Countrymusik einen ähnlichen Ansatz wie ich. Sie erzählt von alltäglichen Begebenheiten, von den Menschen von nebenan, Leuten wie dir und mir. Von den ganzen Kleinigkeiten, die wir erleben. Das entspricht meiner Art zu texten. Mal sehen, vielleicht wird meine nächste CD ein paar Country-Klänge bringen.

HLm: Herr Foitzik, vielen Dank für das Gespräch mit Ihnen.

Das Cafe-Gespräch wurde am 26.Februar 2010 im Cafe Extrablatt in Coesfeld geführt.

  2 comments for “Cafe-Gespräch mit Kinderliedermacher Klaus Foitzik

  1. Ite Jansen
    24. März 2010 at 18:54

    Moin, moin,

    ich durfte der Veranstaltung im Montessori – Kinderhaus aktiv beiwohnen und war begeistert. Klaus hat über 60 Kinder im Alter von 2 – 6 Jahren 70 Minuten in seinen Bann gezogen. Alle Großen und auch kleinen Leute waren “ im Dschungel der Gefühle“ herzlich willkommen und sind freiwillig mit auf die Reise gegangen. Eine Veranstaltung, die unbedingt zu wiederhloen ist. Vielen Dank an Heike und Klaus für diese tolle Leistung. Unsere Moki – Kinder sprechen heute noch davon und basteln fleißig die Löwenmaske, die du uns netterweise per mail hast zukommen lassen. Wir alle im Moki lieben die Musik und könnten uns hier noch mehr vorstellen.

    Ite Jansen
    (Leitung)

  2. 28. März 2010 at 12:54

    Ein tolles Interview, dass neugierig macht auf die Musik von Klaus Foitzik. Schade nur, dass unsere Mädels mit 13 und 14 Jahren nicht mehr so ganz in die Zielgruppe passen. 🙂

    Beste Grüße

    Jörg

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