Chance für die Innenstadt-Berkel nutzen

Einfluss des Hochwasserschutzes auf die Innenstadt-Berkel

Überbauter Abschnitt der Innenstadt-Berkel

Für die zukünftige Gestaltung der Innenstadt-Berkel ist eines eine wichtige Voraussetzung. Bei einem Hochwasserereignis kann das Mehr an Wasser nicht durch die Innenstadt fließen. Das muss über die Umflut und die Fegetasche geleitet werden. Das gelingt auch. Für einen maximalen aber wirtschaftlich darstellbaren Hochwasserschutz rechnen Wasseringenieuren mit einem Jahrhundert-Hochwasser (HQ100). Für die Berkel haben das die Aachener Hydrotec in einer Modellrechnung simuliert. Bis zu 35 Kubikmeter Wasser pro Sekunde schießen bei einem solchen Jahrhundertereignis durch den Fluss. Um es etwas bildlicher zu machen: Bei der Wassermenge würde das 600 Kubikmeter große Schwimmerbecken im CoeBad in nicht einmal 20 Sekunden überlaufen. Damit die Berkel im städtischen Raum in ihrem Bett bleibt und nicht über die Ufer tritt, darf die Abflussmenge 28 Kubikmeter Wasser pro Sekunde nicht überschreiten. Die Spitze zwischen 35 und 28 muss also gekappt werden. Dafür schafft man einen vergrößerten Zwischenspeicher (Retentionsraum), das Hochwasserrückhaltebecken (HRB) an der Fürstenwiese. Wie bei einer Badewanne öffnet sich bei einem Hochwasserereignis der Hahn und das Wasser fließt hinein. Ist die eigentliche Hochwasserwelle vorbei, wird der Berkel durch einen Abfluss das zwischengespeicherte Wasser wieder zugeführt und das HRB entleert sich.

Wenn die Klappe nicht aufgeht

Ludger Schmitz vom Fachbereich Planen, Bauordnung und Verkehr bohrt nach.

Ein Restrisiko bleibt. Am Walkenbrückentor trennen sich die Wege der Berkel. Ein kleiner Teil fließt durch die Stadt, der größere durch die Umflut. Geregelt werden die Wasserstände von Schleusen. Theoretisch kann das Wehr bis zu 2 Meter hoch das Wasser aufstauen. Praktisch geht das aber nicht, weil die Außenwände des angrenzenden Stadttores mit seinem Stadtmuseum zur Berkel hin nicht vollständig wasserdicht sind. Sollten die Schleusen durch einen technischen Defekt versagen, dann muss vorübergehen die Innenstadt-Berkel zusätzliches Wasser abführen.

 Fünfzehn Eimer voll Wasser für die „Alte Berkel“

Seit der Jahrtausendwende gilt in ganz Europa für die Gewässer die EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). Sie spannt einen verbindlichen Rahmen zum Umgang von Binnengewässern, dessen Schutz und der Verbesserung des ökologischen Zustandes. Biologen bewerten den ökologischen Zustand eines Fließgewässers anhand von zwei Verfahren. Zum einen das Vorkommen und die Menge verschiedener Tierarten im Gewässer. Die Zahlen ergeben eine Aussage über die Qualität des Wassers (Saprobienindex). Zum Zweiten wird mit festgelegten Bewertungskriterien beschrieben, wie das Gewässer durch die Landschaft fließt. Die Ergebnisse geben eine Aussage darüber, in welcher Form der Mensch den natürlichen Verlauf des Gewässers verändert hat (Gewässerstrukturgüte). Für die Berkel sieht das so aus: Während die Saprobie als gut eingestuft wird, ist der Gewässerkörper erheblich verändert. Nach der WRRL muss ein verbesserter Zustand erreicht werden. Mindestens muss die Wanderung für die im Wasser lebenden Tiere flussaufwärts möglich gemacht werden. Das realisiert die Stadt Coesfeld über die Umflut und Fegetasche (Bericht dazu folgt). Die Folge ist, dass der bisherige Wasserpegel der Berkel in der Innenstadt nicht zu halten ist. Zurzeit fließen durchschnittlich 300 Liter Wasser pro Sekunde. Das wird sich 150 Liter verringern. Das macht etwa 15 Eimer Wasser pro Sekunde.

Weniger ist mehr – Die Suche nach der Berkel-Identität

Rückblick: Am zweiten Aprilwochenende machten sich einige Coesfelder Köpfe bei der Bürgerwerkstatt Gedanken zur zukünftigen Erscheinung der Innenstadt-Berkel.

INFOKASTEN BÜRGERIDEEN
• Berkelteich mit Gastronomie im Postareal
• Befreiung der Berkel vom Deckel zwischen Kupferstraße und Kuchenstraße (Berkelgasse)
• Am Schlosspark Berkel erfahrbarer machen (Generationenpark), Begegnungstätte
• Berkel am Beamtenpättken (Wiemannweg) durch Pflegemaßnahmen der Böschung sichtbarer machen und für die KiTa Zugang zum Wasser schaffen.

In die Realität umsetzen lässt sich die Idee des Berkelteiches nicht. Denn, nach Auskunft von Wasserexperten, würde sich der Teich im Sommer zuerst in einen grünen Algentopf verwandeln und dann durch Sauerstoffmangel zu einer

Der Sprecher von Planorama präsentiert die Ideen zur Umgestaltung der Innenstadt-Berkel den 60 interessierten Bürgern und der Expertenkommission im großen Ratsaal Coesfeld.

stinkenden Suppe werden. Aber andere Vorschläge aus der Bürgerwerkstatt griffen vier Architekturbüros auf, die sich im Auftrage der Stadt Gedanken zur Gestaltung der Innenstadt-Berkel machen sollten. Einig waren sich die Fachleute in einem Punkt: „Die alte Berkel als identitätsstiftendes Merkmal für Coesfeld herausstellen.“ Viel Zeit blieb ihnen nicht. Gerade mal einen Tag Planung hatten sie. Aber das befreit den Geist und gibt reichlich Potenzial für kreative Ideen, denn dabei rücken „Wenn“ und „Aber“ zunächst in den Hintergrund.

Für die Berliner Landschaftsarchitekten ist die Innenstadt-Berkel ein intimer Raum. Er ist nicht direkt sichtbar und für viele Coesfelder in Teilen gänzlich unbekannt. Hier setzen die Leute von Planorama an. Wie ein Band soll sich die Berkel durch die Innenstadt ziehen und sich immer wieder in Erinnerung zurückrufen. Dazu beschreiben sie den jetzigen horizontalen Verlauf in eine obere und eine untere Ebene. Den Längsverlauf gliedern sie in vier Abschnitte:

1. Abschnitt) Im Postareal führt ein Weg eine Etage tiefer entlang des Baches und macht so das Unbekannte erleb- und erfahrbar, so die Vorstellungen. In diesem breiten u-förmigen Profil wird das Wasser durch eine schmale Betonrinne geführt. Da haben die Architekten zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Denn es entsteht ein attraktiver, begehbarer Raum, der durch punktuelle Bepflanzung im „Uferbereiche“ das Mikroklima verbessert und einem den Hauch Natürlichkeit gibt. Aber durch die Verengung des Bachbetts steigt auch der Wasserspiegel.

2. Abschnitt) Nicht direkt im Original sichtbar machen will Planorama die Berkel in der „Berkelgasse“. Eine künstliche Berkelrinne, nicht sehr tief, nur ein paar Zentimeter im Deckel, soll an den Verlauf des Baches unter der Erde erinnern.

3. Abschnitt) Den Schlosspark sehen sie als introvertierten Raum und wollen mehr Anreize schaffen. Zunächst soll hier ein intensiverer Kontakt mit der Berkel möglich werden. Das erreichen die Planer mit dem Bau von Treppenstufen mit Terrassen zum künstlich verengten Gewässerbett. Der gesamte Park soll sich aber in einen attraktiven generationenübergreifenden Ruheraum entfalten.

Bürgerinnen und Bürger nehmen aktiv an der Diskussion teil.

4. Abschnitt) Der Berkelverlauf parallel zum Beamtenpättken (Wiemannsweg) steht unter dem Gesichtspunkt „Spielen an der Berkel“. Hier sollen insbesondere die Kinder des Lamberti-Kindergartens zukünftig im Wasser stiefeln können.

Bürgermeister Heinz Öhmann kann sich den Ideen sehr gut anschließen. Aber er hakt nach, ob mit punktuellen Lichtelementen der Berkelverlauf noch bewusster gemacht werden kann und wie der Zugang zur unteren Ebene barrierefrei gestaltet werden kann.

Einen ähnlichen Ansatz wie Planorama verfolgen die Planer von LOIDL aus Solingen. Der Landschaftsarchitekt und Sprecher Lorenz Kehl

suchte bei seiner Ankunft in Coesfeld die Berkel und fand sie in Fragmenten vor. Für ihn soll der Bach wahrnehmbarer werden, aber auch Begegnungsräume bieten. Der Gedanke deckt sich mit den Vorstellungen aus der Bürgerwerkstatt. Das wenige Wasser wollen auch LOIDL durch Verengungen des Bachbetts zu einem optischen Mehr werden lassen. Mit Störsteinen wird zusätzlich die Berkel akustisch wahrnehmbarer. Einen interessanten Aspekt bringen sie in den Schlosspark ein. Eine multifunktionale Terrasse soll entstehen, mit Zugang zum Schloss durch eine Tür. Um den gesamten Raum offener wirken zu lassen,

Landschaftsarchitekt Lorenz Kehl bei der Präsentation der Gestaltungsideen vom Team LOIDL im großen Ratsaal Coesfeld.

soll der Zaun zur Bernhard-von-Galen-Straße entfernt werden. Auch eine charmante Idee ist der Berkelpark auf dem jetzigen Parkplatz Davidstraße. Voraussetzung dafür ist der Bau des Parkhauses bei Hageböck und der Berkelpark braucht etwas Fläche von der angrenzenden Volksbank. „Das ist sehr unrealistisch“, wie Thomas Borgert, Sprecher der Volksbank flüstert.

Kreatives zum Thema Wasserstand brachten das Team vom Düsseldorfer Büro Scape. Um den Pegel konstant zu halten sollte Wasser aus Zisternen kontrolliert der Berkel zugeführt werden. Gefüllt werden die Wasserspeicher mit Niederschlagswasser von der rund 28.800 qm großen Dachfläche der Berkelanrainer.

Das Planungsbüro DTP aus Essen verfolgt einen anderen Startpunkt für ihre Ideen. Sie sind der Auffassung, Coesfeld sei mit der unsichtbaren Berkel groß geworden. Sie wollen den Innenstadtverlauf durch Berkelzonen erlebbarer machen.

Und wie geht es jetzt weiter?

Eine Empfehlungskommission, bestehend aus der Regionale-Geschäftsführerin Uta Schneider, dem Stadtplaner Prof. Andreas Fritzen, Bürgermeister Heinz Öhmann, Stadtbaurat Thomas Backes und Fachbereichsleiter Ludger Schmitz, haben sich nach den Ideenpräsentationen ins stille Kämmerlein zurückgezogen und über die Vorschläge beraten. Welche Ideen sich in der Realität schlussendlich zeigen, hängt nun vom Regionaleprojekt BerkelStadt Coesfeld ab.

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