Es braucht „Anpassungsqualität“

Katholisches Bildungswerk und AZ diskutiert über Integration der Flüchtlinge

Integration ist nicht nur eine Sache der gemeinsamen Sprache. Aber sie ist eine Brücke.

Moderator Uwe Goerlich (r.) entlockt dem Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Dr. Matthias Oelck (Mitte), klare Worte zur Herausforderung der beruflichen Integration von Flüchtlingen. Heinz Rengshausen (l.) wird sich wenig später über die kulturellen Herausforderungen an die Vereinen äußern. (Foto hlm)

Coesfeld, 27.04.16 (hlm). Eine Couch hat was von Gemütlichkeit. Oder kann es auch mal ungemütlich werden? Denn das katholische Bildungswerk und die Allgemeine Zeitung Coesfeld hat interessierte Menschen eingeladen, um mit verschiedenen betroffenen Kreisen über die Integration von Flüchtlingen in Coesfeld zu sprechen. Gut 100 Gäste folgten der Einladung in das Pfarrzentrum der katholischen Kirchengemeinde Anna-Katharina. Auf der Couch nehmen neben Bernd Lippe (Flüchtlingsinitiative), Heinz Rengshausen (DJK Eintracht Coesfeld-VBRS e.V.), Dr. Matthias Ölck (Kreishandwerkerschaft Coesfeld), Andreas Kolm (Fachbereich Soziales und Wohnen der Stadt Coesfeld) ein syrischer Flüchtling Platz.

Moderator Uwe Goerlich drehte nicht das Rad der großen Politik. Mit gezielten Fragen an die unterschiedlichen Interessenlager holte er die integrative Arbeit mit den Flüchtlingen hier vor Ort in Coesfeld aus dem Schatten. Aus dem Publikum kommen keine populistischen aber kritischen Fragen. Zum Beispiel nach der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge. Eine Krankenkassenkarte gibt es für die Flüchtlinge nicht. Die Stadt trägt die Kosten für die Notbehandlungen. „Was darüber hinaus geht, muss ein Amtsarzt entscheiden und begründen“, erläutert Andreas Kolm. Luxusbehandlung aus Steuermitteln gibt es nicht.

Schnell leuchtet ein, welche hohe Bedeutung das Erlernen der deutschen Sprache hat. Das Basisvokabular zur allgemeinen Verständigung im Alltag ist das eine. Die Stadt bietet dafür allen Flüchtlingen einen Kurs an. Unabhängig von ihrer Chance auf einen langfristigen Verbleib.

Deutsch lernen als Startpunkt.

Deutschkurs der VHS in Coesfeld für Flüchtlinge. (Foto hlm)

Damit wird der Sprachweg in die Arbeitswelt allein nicht geebnet. Das hat ganz andere Anforderungen, wie Dr. Matthias Oelck aus Erfahrungen weiß. „Sie wollen arbeiten, wissen aber nicht, wie es geht“, ist eine Anmerkung aus dem Publikum. Das beginnt bei völlig verschiedenen Vorstellungen zur Arbeitssicherheit und geht bis hin zu technischen Beschreibungen von Maschinen. Das braucht „Anpassungsqualität“, wie es Dr. Oelck nennt.

Zurechtfinden in dem komplexen System ist selbst für die Einheimischen schwer. Da braucht es besonders für die Flüchtlinge Helfer oder Begleiter, die mit ihnen Behördengänge und andere Dinge leisten. Einsatzorte für die vielen aktiven Ehrenamtler der Flüchtlingsinitiative. Rund 80 Helfer hat der Verein im Verteiler. Ein gutes Grundkapital für die tägliche Arbeit. Aber noch nicht ausreichend für die tägliche Erstbegleitung. An jene gewandt, die sich für das Engagement bei der Flüchtlingsinitiative interessieren, richtet Bernd Lippe: „Offenes Herz, gesunden Menschenverstand und keine Berührungsängste, auf jemanden zuzugehen, mehr Profil braucht es nicht.“

Im Vereinsleben prallen kulturelle Wertevorstellungen aufeinander. Lernen auf Gegenseitigkeit, heißt es. Die DJK-Eintracht Coesfeld will moslemische Frauen mit speziellen Wellnesstagen ansprechen. Da darf kein Mann zugegen sein, Rollos müssen runter und das Mobile ist abgeschlossen. Sicherlich ist es ein Raum unter sich. Doch man muss anfängliches Entgegenkommen zeigen, um an die Menschen heranzukommen. Birgit Pütter, Geschäftsführerin beim DJK, sitzt im Publikum und nickt zustimmend. Die völlige Isolation wäre der falsche Weg, geschlechtsunabhängige Entfaltungsmöglichkeiten offen zu legen. In den Sportvereinen sieht Heinz Rengshausen ein einfaches Angebot, um für die Menschen Brücken zu bauen.  Um das alles zu meistern, sieht er einen größeren Kreis mit im Boot sitzen: „Im Verbund, vielleicht über den Kreissportbund, ist das leistbar.“

Gastgeber Johannes Heling (l.) vom katholischen Bildungswerk bedankt sich bei Bernd Lippe von der Flüchtlingsinitiative für die Teilnahme am fünften Couchgespräch. (Foto hlm)

Eine Frage bewegt Pastor Johannes Hammans. Er will von dem syrischen Flüchtling wissen, ob die Moschee des türkisch-islamischen Kulturvereins für ihn ein passender Ort der Religion sei. Die Frage verneint der Mann. Der Imam spreche türkisch, was die Flüchtlinge nicht verstehen. Er wünscht sich ein Imam, der seine Landessprache spricht. Oder einen, der in deutscher Sprache predigt, was gelegentlich vorkommt, wie Hammans berichtet.

Der Fortschritt der Integration ist ein Weg mit kleinen und steten Schritten aufeinander zu. Das Ergebnis können die Gäste mit nach Hause nehmen.

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