Das parentale Patriarchat ist zurück

Jährlich zur Winterzeit kehrt es zurück – das parentale Patriarchat.
Schon im Spätsommer werden wir von den Lebensmittelgeschäfte an die bevorstehende Zeremonie erinnert. Die freundlich dreinschauenden, meistens in roter Alufolie umhüllten, Schokoladenhohlkörper stehen, zwischen dem „Herbstgebäck“ in einer Armada aufgereiht, für den Kauf in den Regalen bereit.

Ende November steigert sich die Lage. Die Briefe müssen sich den engen Briefkasten mit bunten Prospekten teilen. Die Augen der Kindern werden mit jedem durchblättern dieser Konsumblättchen immer größer. Jener Sprößling, der einzelne Buchstaben noch nicht zu sinnvollen und lesbaren Wörtern mit einem Stift aneinanderreihen kann, schnibbelt aus den Bildern von Spielzeugautos, Legobaukästen, Fahrrädern und anderen Spielsachen seinen Wunschzettel. Der ältere Familiennachwuchs kritzelt mit Buntstiften seine Wünsche auf einen großen Zettel. Bei uns zu Hause ist der meist ausgesprochene Satz von den Kindern in dieser vorweihnachtlichen Stimmung: „Das will ich zu Weihnachten haben.“ Anfangs schaue ich interessiert mit in die bunten Werbeblätter. Doch eigentlich nur um die Bestätigung zu bekommen, dass wir Eltern mit unserern Geschenkideen richtig liegen. Aber die Wünsche wachsen mit jedem Tag, der näher an Weihnachten rückt. „Mhm, schreib das für den Weihnachtsmann auf deinen Wunschzettel!“, ist der Versuch die Euphorie ein wenig zu bremsen. „Aber der ist doch schon voll!“ kommt prompt als Antwort aus dem Kindermund. Mit den Worten: „Hier guck mal!“, bekomme ich den Wunschzettel auf die Titelseite der Tageszeitung gelegt. Die Schlagzeile des Tages „Obama schickt … “ erhält durch die Worte Lego Pauermeiners, die aus kindlicher Weihnachtsfreude in gelben, roten und blauen Buchstaben aneinander gereiht wurden, eine neue Semantik. Die Frage: „Wo muss mein Wunschzettel den hin?“, wird unverzüglich hinterhergeworfen.“ Der muss zum Himmelstor 1!“ schallt es aus dem großelterlichen Wohnzimmer. Da bahnt sich ein Generationenkonflikt an. Oma und Opa können es nicht lassen. Dabei ist es doch völlig klar. Abgabestelle ist ein kleiner Ort bei Fürstenberg an der Havel mit dem Namen Himmelpfort.


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Mit jedem Sonnenaufgang rückt das große Fest näher. Es ist der 1. Dezember, der das morgendliche Frühstücks-Ritual für die nächsten 24 Tage prägen wird. Schon vor mir sind die Kinder wach und suchen das Törchen mit der Nummer Eins auf dem Adventskalender. Nur wenige Sekunden später liegen bunte Kugeln aus Alufolie auf dem Tisch verteilt und mit Schokolade verschmierte Münder grinsen mich an. Die Spannung steigt täglich weiter und weiter. Immer kribbliger werden die jüngsten Familienmitglieder. Auch wir Erwachsenen suchen öfter nach unserer inneren Ruhe. Nur finden wir sie immer weniger. In manchen Häusern sind vermehrt Stimmen zu hören: „Wenn Du nicht artig bist, bekommst Du nichts vom Weihnachtsmann!“. Gesteigert wird das noch mit: „Der Weihnachtsmann hört und sieht alles und schreibt es in sein goldenes Buch!“. Beeindruckt von diesen mächtigen Sätze, blicken verschreckte Kinderaugen auf den mahnend erhobenen Zeigefinger. Das wirkt! Dummerweise nur nicht lange.

Ausgestorben scheint zum Glück die Variante, die unsere Elterngeneration noch gut kennt: „Wenn Du nicht tust was ich Dir sage, dann gibt es vom Weihnachtsmann was mit der Rute!“

Dann kommt der 6. Dezember: Die Begegnung des Nikolaus, Vorfahre des Weihnachtsmanns. Die Gute-Nacht-Geschichten der letzten Tage drehten sich oft um diesen Mann, der früher den Erwachsenen die Leviten las. Einige ältere Männer begrüßen die Gestalt direkt: „Na Kalle, bist Du wieder dies Jahr dran.“. Mit dem Satz: „Ist warm unterm Kostüm – was.“, wenden sie sich ab und grinsen in das Gesicht meines Sohnes, der auf meinem Arm schutzsuchend, jede Bewegung des Nikolaus verfolgt. Nur noch wenige Meter, dann stehen wir vor dem parentalen Patriarchat in seiner personifizierten Form. Jetzt sind wir an der Reihe. Eine tiefe Stimme dringt in die Ohren meines Sohnes: „Na, wie heißt Duuu denn?“. Verängstigt schiebt er seinen Kopf in meine offene Jacke. „Birger“, spreche ich für ihn. Seinen Namen hörend, kriecht sein Kopf aus dem Versteck und blickt mutig in das vollbärtige Gesicht. „Na Birger, warst Du auch schön artig?“, bekommt er als Reaktion für sein mutiges Verhalten. Wieder beschließt mein Sohn mit seinem Kopf ins Dunkle abzutauchen. Ich antworte für ihn: „Natürlich, wie jedes Kind!“. Den Nachsatz „Blöde Frage!“, kann ich mir so gerade eben verkneifen. Die Artigkeit des Kindes wird mit einem Schokoladennikolaus belohnt. Birger traut sich noch immer nicht aus seinem Versteck. Das Präsent nehme ich an und bedanke mich im Namen meines Sohnes. Doch nun habe ich den Beweis gefunden. Seit Generationen bekommen unsere Kinder nur Nikolaus-Plagiate. Der wirklich echte Nikolaus zum Vernaschen, ist bei sevenload.com zu erleben. Gerade zu erschüttert hat mich jedoch, dass der heilige Nikolaus nur an den Marginalen etwas mit Kindern zu tun hat. Er ist der Schutzheilige der Alten, Apotheker, Kaufleute, Ministraten, Pilger, Rechtsanwälte, Reisende und Schüler. Aber mich rettet die Vorstellung, dass in 15 Tagen der Weihnachtsmann die Kinder aufsuchen wird. Hoffentlich hat er keine Plastikflasche mit rotem Verschluss in seiner Gewandtasche.

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