Die Zukunft der Coesfelder Bildungslandschaft

Ein Gespräch mit Professor Dr. Horst Dichanz

Im Spätherbst letzten Jahres veröffentlichte die Stadt Coesfeld die Broschüre „Lernen für die Zukunft“. 20 Seiten zeichnen ein aktuelles Bild der weiterführenden Schullandschaft vor Ort. Aber kann eine Momentaufnahme der gegenwärtigen Bildungsmöglichkeiten eine Hilfestellung für Eltern sein, die jetzt eine zukunftsorientierte Entscheidung für den Bildungsweg ihrer Kinder fällen sollen? Wie wird sich die Reduzierung der Schülerzahlen auf die Bildungsangebote in Coesfeld auswirken? Der emeritierte Medienpädagoge Professor Dr. Horst Dichanz, Mitbegründer der FernUniversität in Hagen, gibt in einem Gespräch eine Einschätzung für Coesfeld.

Nach den letzten statistischen Vorausberechnungen muss die Stadt Coesfeld mit einem Verlust der Schülerzahlen von bis zu 35% rechnen. Das wird drastische Auswirkungen auf die Schullandschaft in Coesfeld haben. Wird die Stadt Coesfeld Schulen schließen müssen?

Dichanz: 35% Verlust hat das Statistischen Landesamtes als Landesdurchschnitt ermittelt. Die Bertelsmann-Stiftung geht von rund 25% aus. Wie dem auch sei, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass zukünftig den Coesfelder Schulen viele Schüler verloren gehen. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die Verbundschule Legden Rosendahl sowie die neu gegründete Gemeinschaftsschule in Billerbeck. Ob damit alle Strukturveränderungen in der Nachbarschaft genannt sind, kann man kaum sagen. Im Augenblick bietet Coesfeld mit sieben Grundschulen, zwei Hauptschulen, zwei Realschulen und drei Gymnasien ein breites Angebot an allgemeinbildenden Schulen. Im Schuljahr 2009/2010 besuchten 6180 Schülerinnen und Schüler die allgemeinbildenden Schulen. In einigen Jahren wird sich diese Schülerzahl, ausgehend von 25% Verlust, um 1581 Schülerinnen und Schüler verringern! Das sind mehr Schulkinder, als 2009/2010 die Grundschulen in Coesfeld besucht haben. Die Stadt Coesfeld wird nicht drum herum kommen, die Schulen zu verkleinern oder einige zu schließen.

Die Stadtverwaltung hält am dreigliedrigen Schulsystem, bestehend aus Haupt-, Realschule und Gymnasium, fest. Welche Schulen wird es am ehesten Treffen?

Dichanz: Das ist schwer einzuschätzen. Aber ich sehe bundes- und landesweit bei den Eltern einen deutlichen Trend zur Akzeptanz kombinierter Schulformen. Immer mehr Mütter und Väter wollen ihr Kind an einer Realschule oder auf einem Gymnasium sehen. Die Änderung des Schulgesetze durch die neue Landesregierung gibt den Eltern weitere Entscheidungsbefugnisse. Die Schulempfehlung der Schulleitung ist nicht mehr bindend, die
Abkehr von der Hauptschule wird nicht zu bremsen sein und dort den freien Fall der Schülerzahlen bewirken.

Was ist der Hauptgrund für den Akzeptanzverfall der Hauptschule?

Dichanz: Im Laufe der letzten Jahre hat es einen Wertewandel hinsichtlich der Schulformen in den Köpfen der Gesellschaft gegeben. Vor 20 Jahren hatte ein Hauptschüler mit seinem Schulabschluss eine reale Chance auf eine handwerkliche Ausbildung. Heute ist vielen dieser Weg versperrt, Hauptschüler verlieren in der Konkurrenz zu Realschülern. Insbesondere fühlen sich viele Schüler in der 10a der Hauptschule stigmatisiert. Generell sind die Hauptschulabsolventen gegenüber Realschülern eine schwache Konkurrenz, wenn es um die Bewerbung eines Ausbildungsplatzes geht. Eltern wollen aber ihren Kinder die beste Position für den Start ins Berufsleben verschaffen. In ihren Augen ist das Gymnasium die Pole-Position. Wenn das nicht geht, wird die Realschule gewählt. Die Hauptschule war einmal als Volksschule der Kern der Sekundarschulen, diese Stellung hat sich völlig verändert.
Ein weiterer Aspekt ist die Durchlässigkeit der Schulen. Bis heute ist die Richtung zu mehr als 90% von oben nach unten. Nur ganz wenige Hauptschüler schaffen den Sprung zum Gymnasium. Sicherlich, es gibt, wie die Broschüre „Lernen für die Zukunft“ aufzeigt, mehrere Wege zum Abitur oder zum Studium. Aber in der Realität sind es nur wenige junge Menschen, die diesen holprigen Pfad der Durchlässigkeit bis zum Ende schaffen.

Kann in ihren Augen eine Verbundschule hilfreich seien?

Dichanz: Da bin ich mir ziemlich sicher, wie viele Beispiele zeigen. Es ist häufig auch ein Weg, die Schließung einer Schule zu verhindern. Aber es ändert nichts an den grundlegenden Ursachen des Akzeptanzverlustes einiger Schulformen, die ja im Verbund bestehen bleiben. Denn was ist eine Verbundschule? Die beteiligten Schulen bleiben eigenständige Systeme. Werfen Sie einen Blick auf das pädagogische Konzept der Verbundschule Rosendahl Legden. Die Durchlässigkeit etwa durch gemeinsamen Unterricht ist auch dort nicht vereinfacht. Einzig in den Fächern Religion, Musik, Kunst, Textilgestaltung und Sport findet ein gemeinsamer übergreifender Unterricht statt. Sonst bleiben die Schüler in der Schulform, der sie zugeordnet wurden. Da geht das Billerbecker Modell einen anderen Weg. Im Vordergrund steht das individuelle Lernen des Kindes, das gefördert wird. Wir dürfen uns aber nichts vormachen. Die individuelle Förderung eines Kindes hängt nicht von der Schulform ab sondern davon, dass genügend Personal für die Betreuung verfügbar ist. Es reicht nicht aus, wenn eine sonderpädagogische Fachkraft nur für ein paar Stunden in der Schule tätig ist. Es bedarf einer kontinuierlichen Betreuung und Hilfe. Ein Vorbild ist hier die Integrative Montessori-Schule in Coesfeld. In jeder Klasse sind dort mindestens zwei pädagogische Kräfte tätig. Sie fördern und fordern jedes einzelne Schulkind in der Klasse nach seinen Stärken und Schwächen. Eine weitere wichtige Säule bei diesem Schulmodell ist das gemeinsame Lernen in unterschiedlichen Gruppen. Ältere Schulkinder festigen nicht nur ihr Wissen sondern stärken parallel dazu ihr Selbstbewusstsein und bauen soziale Kompetenzen aus, indem sie jüngeren Mitschülern Sachverhalte erläutern.

Kann die Stadt Coesfeld den Rückgang der Schülerzahlen auch als Chance sehen, ihr Bildungsangebot zu modernisieren?

Dichanz: Ja, das zeigen viele Beispiele im Lande, zumal der Schulentwicklungsplan 2011/12 ausläuft und fortgeschrieben werden muss. Coesfeld hat wirklich eine gute Position um jetzt die Weichen für eine nachhaltige Bildungslandschaft zu stellen. Dazu müssen aber noch Voraussetzungen geschaffen werden, die ich z.Zt. nicht sehe: eine über den lokalen Rahmen hinausgehende regionale Kooperation und der Aufbau eines regionlalen Bildungsnetzwerkes, in dem alle Bildungsanbieter vertreten sind und sich aktiv beteiligen.

Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 183-U0611-500 / Blunck / CC-BY-SA

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