Eine neue Schule

Coesfeld 04.12.2011 Vielleicht könnte sie sich auch Baumberger Schule nennen, die Gemeinschaftsschule in Billerbeck. Denn der Ruf der Ganztagsschule hat längst die lokalen Grenzen überschritten. Entstanden ist sie aus dem Zusammenschluss der Don-Bosco-Hauptschule und der Geschwister-Eichenwald-Realschule. Langfristig gesehen hätten diese beiden Schulen durch den Rückgang der Schülerzahlen keine Zukunftsperspektive gehabt. Das hat der Stadtrat rechtzeitig erkannt und einen Lösungsweg gesucht, das lokale Bildungsangebot auch zukünftig anbieten zu können. Das Ergebnis war die Gründung der Gemeinschaftsschule Billerbeck. Vorausgegangen war ein mehrjähriger Entwicklungsprozess um diese „Reformschule“, wie sie die Schulleiterin Barbara van der Wielen auf einem Informationsabend bezeichnete. Dass dieser Weg auch ein holpriger war, werden einige Bürgerinnen und Bürger noch in der Erinnerung haben. So gab es einige Städte und Gemeinden in der Nachbarschaft des Domstädtchens, die eine Bestandsgefährdung ihrer eigenen Schulen vor Ort sahen. Diese Sorgen konnten schließlich beiseite geräumt werden und die Landesregierung genehmigte die Gemeinschaftsschule Billerbeck als Schulversuch für zunächst sechs Jahre.

Aber was ist denn nun so anders an dieser Schule? Denn von außen betrachtet nimmt ein Besucher eine Neuerung so schnell nicht wahr. Schließlich läuft der Schulbetrieb für die jetzigen Schülerinnen und Schüler der Klassen sechs bis zehn an der Haupt- und Realschule noch wie gewohnt weiter. Doch seit Beginn des Schuljahres 2011 hauchen 94 Fünfklässler täglich den Räumen ein anderes Leben ein. Im Zentrum steht die Erkenntnis, das Lernen kein homogener Prozess ist. Jeder Mensch lernt anders, denkt anders und begreift Dinge auf anderen Wegen. Lernen ist somit ein individueller Prozess mit einer großen Diversität. Es muss also eine Möglichkeit gefunden werden, Kindern das Erlangen von Wissen nachhaltig anzubieten. Im Gegenzug muss das Kind selbstständig den Weg zum Wissen finden. Dabei braucht es Unterstützung. Und so sieht sich das pädagogische Team nicht mehr als Lehrer im klassischen Sinne. Sondern sie sind in die Rolle der Begleiter und Berater für die Kinder geschlüpft. Sie haben Vertrauen in die Lern- und Verantwortungsbereitschaft eines jeden Kindes. Um ihnen auf diesem Weg zu helfen, hat der Frontalunterricht kein Platz mehr. An die Stelle ist das kooperative Lernen im fachübergreifenden vernetzten Unterricht getreten. So kann sich der Lehrer viel intensiver jedem einzelnen Schüler zuwenden, weiß Thomas Wischnewski, stellvertretender Schulleiter, aus eigener Erfahrung zu berichten. Er hat durch dieses System Zeit gewonnen. Zeit, die er einsetzt, um die Kinder bei der Arbeit zu beobachten und Hilfe zu leisten, wo diese eingefordert oder benötigt wird. Wird dieser Weg konsequent weiter gedacht, hat es hier auch keinen Platz mehr für das terminlich festgelegte Abfragen von Leistungen in Form von Tests oder Klassenarbeiten. Wenn das Kind von sich überzeugt ist, dass es ein Lernziel erreicht hat, erbringt es dem Lehrer den Beweis. Dieser wird nicht mit einem klassischen Notensystem bewertet. Vielmehr spiegelt eine Prozentangabe den Kenntnisstand wider. Ein Benotungssystem, wie es die konservativen Schulen einsetzen, wird es an der Gemeinschaftsschule ab der achten Klasse geben. Aber braucht die Schülerin oder der Schüler nicht einen roten Faden, um sich nicht zu verirren oder zu verlaufen? Schließlich muss es doch seinen Weg durch den Dschungel finden. Der Kompass dafür ist die Rhythmisierung des Schulalltages. Sie gibt eine Orientierung und Ordnung. So beginnt jeder Schultag mit dem Morgenkreis, in dem jedes Kind seinen Arbeitsplan für den Tag aufstellt. Das Logbuch ist dabei so etwas wie eine Wegskizze für das unbekannte Terrain, das betreten wird. Hier notiert sich das Kind die Ziele, die es erreichen will. Zu einem späteren Zeitpunkt wird es sich mit dem Lehrer zusammensetzen und die selbst gesteckten Zielvorgaben reflektieren. Das Kind wird ständig in den Lernprozess mit einbezogen und bewertet seine Arbeiten. So lernt es sich selbst immer besser einzuschätzen und durch das Logbuch bekommen die Eltern Transparenz in den Entwicklungsfortschritt ihres Kindes. Um den gesamten Überblick der Lernentwicklung zu bekommen, fertigen die Kinder individuelle Lernlandkarten an. Dieses Tableau visualisiert dem Kind auf einem Blick den individuellen Lernstand.

Mit dem Schuljahr 2012/2013 wird die Gemeinschaftsschule das jahrgangsübergreifende Lernen einführen.
Dann werden die Schülerinnen und Schüler der fünften und sechsten Klasse gemeinsam arbeiten.

Vorbilder für das Gründungsteam der Gemeinschaftsschule Billerbeck waren die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die Evangelische Schule Berlin Mitte, das Laborschule Bielefelder, die Montessori Oberschule Potsdam, die Max-Brauer-Schule Hamburg sowie die Wartburg-Grundschule in Münster.

Abschließen kann der Schüler oder die Schülerin mit einem Hauptschulabschluss 10a/10b, einem mittleren Schulabschluss (Fachoberschulreife) oder einem mittleren Schulabschluss mit Berechtigung zum Besuch der gymnasialen Oberschule. Der Übergang zum Gymnasium oder einem Berufskolleg ist durch die Kooperation mit den Schulen der Sekundarstufe 2 gesichert.

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