Europa von unten mitgestalten

Bundespräsident Joachim Gauck bedankt sich bei Hartmut Levermann, Herausgeber der Coesfelder Nachrichten, für die Teilnahme am Bellevue-Forum „Ich will Europa -– mit gestalten.“ (Foto Matthias Peper)

Berlin / Coesfeld (hlm). Zurück kann es nicht mehr gehen. Dafür ist das Zusammenwachsen der Europäischen Union zu weit fortgeschritten. Natürlich, es gibt vieles, was noch unrund ist und nicht funktioniert. Vieles muss noch ausgebaut und verbessert werden. Es ist ein laufender Prozess, vergleichbar mit der Evolution. Einerseits lernt unsere Gemeinschaft aus gemachten Fehlern. Andererseits müssen wir den europäischen Gedanken in uns aufnehmen und daraus Visionen entwickeln. Das Bellevue-Forum „Ich will Europa – mit gestalten“ ist eine erfolgreiche Plattform zur Entwicklung von visionären Ideen. Hierzu hat Bundespräsident Joachim Gauck am 20.04.13 eingeladen. „Das Besondere, das wir hier versuchen, ist Elemente der Mitgestaltung zu entwickeln, die so wichtig werden, dass unsere Abgeordneten und Regierungen daran nicht vorbeigehen können“, motiviert der Schirmherr Gauck die 100 Teilnehmer des Forums im Schloss Bellevue. Es ist eine Erweiterung der Demokratie – die Bürgerbewegung. Die Teilnehmer sind Menschen aus Europa. Sie haben Erfahrungen in ihrem Umfeld gesammelt, weil sie darin leben und arbeiten. Also einen horizontalen Blick werfen können, um den Gedanken vertikal weiter zudenken. Gauck nannte es eine Initialzündung für weitere europäische Schritte. Und Prof. Bernhard Lorentz, Geschäftsführer der Stiftung Mercator, bringt es ganz im Ruhrpottdeutsch rüber: „Wir brauchen Malocher, keine Motzer!“

Denken wir an die Zukunft der kommenden Generation. Sie wächst bereits mit durchlässigen Grenzen auf. So wie eine deutsche Teilnehmerin des Bellevue-Forums, die ein Teil ihres Studiums an der Bauhaus-Universität in Weimar absolvierte, einen anderen Teil an der Université Lumière Lyon und nun in Paris ein Praktikum macht. Das steht im völligen Gegensatz zu den protektionistischen Ideen mancher EU-Kritiker, die sich die Deutsche Mark und die Eigenstaatlichkeit zurückwünschen. Nein, es braucht viel mehr Öffnung, vor allem im europäischen Bildungsbereich. Das setzt einen einheitlichen Bildungsrahmen voraus. Da ist Deutschland weder Vorbild noch Primus. Hier scheitert gemeinsame Schulpolitik bereits an den Grenzen der Bundesländer. Trotzdem hält es die Teilnehmer des Bellevue-Forums nicht vom visionären Gedanken ab. Es braucht einen europäischen Bildungsatlas, eine Informationsplattform im Internet zu Bildungsangeboten und Vernetzungen in den Mitgliedstaaten von Europa.

Das wäre schon mal ein hilfreiches Angebot. Bildung ist eines der Grundlagen zum Arbeitsmarkt. Das öffnet den Weg zum Leben und Arbeiten in der EU. Aber der Schritt in die europaweite Arbeitswelt ist ein großer, auch mit dem Blick auf Inklusion und Barrierefreiheit. Es bedarf einer Möglichkeit, sich zu informieren oder geeignete Ansprechpartner zu finden. Wie wäre es mit der Lebensweltagentur oder EuroXChange-Agentur, die zwei Arbeitsgruppen des Bellevue-Forums am Tisch entworfen haben. Dezentrale Anlauf- bzw. Vermittlungsstellen, an die sich jeder entsprechend seiner Lebensphase wenden kann.

Alles gut und schön gedacht. Nun fehlt aber ein wichtiger Baustein, um das realisieren zu können. Arbeiten über die Grenzen hinaus? Das geht nur mit einer einheitlichen Wirtschafts-, Finanz- und Sozialverfassung auf EU-Basis. Für die Mitglieder der Arbeitsgruppe Wirtschaft und Finanzen ist das ein Lösungsweg. Denn sie sehen eine ungleiche Balance zwischen Solidarität der EU-Staaten und dem Wettbewerb untereinander. Prof. Lorentz drückt es so aus: „Man merkt gute Freunde erst in schlechten Zeiten.“

Europa ist für uns das Zukunftsmodell. Es ist kein starres Korsett, sondern ein System, dass von den Bürgern belebt und weiter entwickelt wird. Das haben noch weitere Visionen der Teilnehmer am Bellevue-Forum gezeigt. Das Ende des Tages beschließt Joachim Gauck mit der Aufforderung zum weiteren Denken und Handeln: „Wir dürfen uns nicht vor unseren Irrtümern fürchten, wenn wir unsere großen Potenziale entwickeln wollen.“

  2 comments for “Europa von unten mitgestalten

  1. 24. April 2013 at 10:17

    Wichtiges Thema.

    Die gemeinsame Wirtschafts-, Finanz- und Sozialverfassung hätte man schon zusammen mit dem Euro einführen müssen. Dann hätten Finanzjongleure weniger Unheil anrichten können und Menschen insbesondere in den südeuropäischen Ländern wären die aktuellen Verwerfungen erspart geblieben.

    Aber dazu waren seinerzeit die verantwortlichen Politiker zu parzelliert in ihrem Denken und Handeln. Jetzt muss mühsam nachgebessert werden, und selbst dabei dominieren die Partikular-Interessen. Das ändert sich erst mit einem Generationswechsel in der europäischen Politik.

  2. 6. Mai 2013 at 21:20

    Mehr noch wie die produktiven Aktivitäten an diesem 20.April 2013 im Schloss Bellevue als Gast des Bundespräsidenten Joachim Gauck, hat mich der Mensch Gauck fasziniert, denn es hat sich für mich und meinen Lebensgefährten angefühlt, als wären wir zu Gast bei und unter Freunden.

    Ich habe es nun schon so oft geschrieben und tue es nun wieder, denn die nachfolgenden Worte treffen genau ins Schwarze: „Endlich ein MENSCH in diesem ehrwürdigen Gemäuer!“

    Herzliche Grüße aus Berlin

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