Die größte Herausforderung ist die Integration

Flüchtlinge als Thema der offenen Fraktionssitzung von Pro Coesfeld

Dr. Thomas Robers, Dezernent der Stadt, informiert die Gäste der offenen Fraktionssitzung von Pro Coesfeld über die Flüchtlingslage und räumt dabei einige Gerüchte beiseite. (Foto hlm)

Dr. Thomas Robers, Dezernent der Stadt, informiert die Gäste der offenen Fraktionssitzung von Pro Coesfeld über die Flüchtlingslage und räumt dabei einige Gerüchte beiseite. (Foto hlm)

Coesfeld, 29.02.16 (hlm). Bis Mai/Juni erwartet die Stadt Coesfeld bis zu 800 Flüchtlinge. Darüber informiert Dezernent Dr. Thomas Robers gut 30 Gäste auf der offenen Fraktionssitzung von Pro Coesfeld. Die lokalpolitische Partei hatte Vertreter aus der Stadtverwaltung sowie Bürgerinnen und Bürger zu der Veranstaltung eingeladen. Die genannte Zahl kann aber nur ein Schätzwert bleiben. Wie groß die Menge der Menschen sein wird, die nach Coesfeld kommen werden, ist nicht vorhersehbar. Das hängt von der großpolitischen Lage ab.

Prozentual ist der Anteil von Flüchtlingen sehr gering.

Auch in Coesfeld steigt die Anzahl schutzsuchender Menschen steil an. Innerhalb von zwei Jahren um mehr als das Vierfache. Trotzdem macht es auf die Gesamteinwohnerzahl von Coesfeld gerade mal etwas mehr als ein Prozent aus. (Grafik hlm)

Die Flüchtlingssituation in Coesfeld

Knapp eine Million Flüchtling waren 2015 in Deutschland angekommen. Von Januar 2014 bis Februar 2016 stieg in Coesfeld die Zahl der zugewiesenen Asylbewerber von 95 auf 413. Das Bild spiegelt aber nicht die reale Lage wider. Die Stadt profitierte von den beiden Notunterkünften Leisweg und Turnhalle am Schulzentrum, die die Bezirksregierung errichten konnte. Die Anzahl der dort untergebrachten Menschen wurde Coesfeld voll angerechnet. Die Erstaufnahmeeinrichtungen schließen. Ende März werden die letzten Flüchtlinge die Notunterkünfte verlassen. Jetzt bekommt Coesfeld die Anzahl der restlichen 100 Notunterkunftsplätze zusätzlich zur festgelegten Zuweisung. Das nicht sofort, sondern gleichmäßig auf die kommenden fünf Monate verteilt. Das bringt die Verwaltung unter Druck. Denn sie braucht dringend Wohnraum. Die provisorische Unterbringung in der Turnhalle will sie vermeiden. Für den ersten Beigeordneten der Stadt, Thomas Backes, hat die Beschaffung von Wohnraum höchste Priorität. Doch es sei nicht der alleinige Maßstab. Zelte und Container will die Stadt für die Unterbringung vermeiden. Sieben Gebäude hat die Stadt zurzeit gemietet, acht sind im Eigenbesitz. Vorrang hat dezentraler Wohnraum in denen sich die Menschen selbst versorgen können. Nicht nur aus Kostengründen, sondern um die Menschen den Alltag miterleben zu lassen. Sie sollen in Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern kommen, um möglichst zügig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Das Zitat von Backes: „Besser einen Hausmeister und Sozialarbeiter, als ein Securitydienst.“ wird im Verlauf des Abend Bernd Lippe von der Flüchtlingsinitiative noch aufgreifen.

Die Abrissgenehmigung liegt schon vor. Jetzt ist Baustopp. Die Stadt nutzt das Haus für die kommenden drei Jahre zur Unterbringung von Flüchtlingen. (Foto hlm)

Mieten statt Kaufen, wie das ehemalige Caritas-Haus, das abgerissen werden sollte. Für die Stadt ist es die günstigere Alternative. (Foto hlm)

Um den weiteren Erwerb von Objekten wird die Stadt nicht drum herum kommen. Vor dem Kauf stehe aber die Frage der Nachhaltigkeit des Gebäudes, so Backes. Wirtschaftlich am günstigsten sei für die Stadt gemieteter Raum. 5600 Euro pro Person und Jahr kostet das der Stadt. Im Vergleich dazu kostet die Unterbringung beim Eigentum 16000 Euro pro Person und Jahr. 28100 Euro pro Person und Jahr für Wohncontainer. „Solange wir unter dem Benchmark einer Containerunterbringung bleiben, nehmen wir das Mieten oder Kaufen in Anspruch“, resümiert Backes.

Im Augenblick sind es syrische, irakisch und afghanische Flüchtlinge, die in Coesfeld leben. Davon sind ein Drittel weiblich und zwei Drittel männlich. 70 Prozent sind Familien und 30 Prozent Einzelpersonen.

Wie Integration gelingen soll

Die größte Herausforderung sieht Dr. Thomas Robers in der Integration: „Das zieht sich in alle Bereich des gesellschaftlichen Zusammenlebens.“ Für die Stadtverwaltung ist die Flüchtlingsinitiative eine große Stütze. Sie leistet niedrigschwellig Hilfe direkt vor Ort. 80 Ehrenämtler unterstützen auf vielfältige Weise die Menschen. Sie begleiten auf den Weg in den Alltag und in das gesellschaftliche Zusammenleben. Denn Isolation wäre schädlich. Das ist nicht immer einfach, wie Bernd Lippe berichtet. Da prallen schon mal kulturelle Ansichten aufeinander. Das alles sei unproblematisch und kann aus dem Weg geräumt werden. Lippe betont deutlich, dass es nach Aussage der Polizei zu keiner Zunahme von Delikten in Coesfeld durch die Flüchtlinge gekommen sei. Deutlich übt er Kritik an den Satz von Backes, dass Hausmeister und Sozialarbeiter besser als Security seien. Denn die Realität sehe anders aus. Weder ein Hausmeister noch ein Sozialarbeiter stehe regelmäßig zur Verfügung. Die größte Arbeit leistet die Flüchtlingsinitiative. Personell arbeite sie am Rande der Kapazität. Sie sucht händeringend Bürgerinnen und Bürger, die sich beteiligen wollen. Die Stadtverwaltung überlegt, wie sie die Flüchtlingsinitiative unterstützen kann.

<<Smartphones sind auch Übersetzer>>
Bernd Lippe (Flüchtlingshilfe)

Der wichtigste Schlüssel für die Integration ist die Sprache. Ein Schlüsselloch sind die Kindergärten und Schulen. Denn die junge Generation ist ein Multiplikator und bringt Erlerntes in die Familien. Von den 54 Flüchtlingskindern bis sechs Jahre gehen 20 freiwillig in Kindergärten. 24 Kinder im Alter von sieben bis zehn besuchen eine Grundschule. 49 elf bis 16-Jährige sind auf weiterführenden Schulen (Hauptschulen und Gymnasium).
Bei den Kindergartenplätzen könnte es zu einem Problem kommen, konstatiert Robers. Entgegen den Prognosen hat die Geburtenrate in Coesfeld zu genommen. Seit 2013 besteht ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz im Kindergarten. Um die Verpflichtung einhalten zu können, braucht es Lösungen, an die die Stadt arbeitet. An den Schulen sind bereits Vorbreitungsklassen eingerichtet. Das soll weiter gestärkt werden. Robers ist froh über die Bereitschaft der Schulen. „Denn diese Mehrarbeit ist langfristig ein Gewinn“, so der Dezernent. Die Schulpflicht beginnt für die Flüchtlingskinder mit der Anmeldung in der Kommune. „Die Kinder sind sehr lernbegierig“, so die Erfahrung von Bernd Lippe von der Flüchtlingsinitiative. Vor allem Mädchen, die nie an Bildung teilnehmen konnten, blühten auf und übersetzen für den Vater. Problematisch sei es, dass einige Flüchtlinge Sprachkurse doppelt belegen müssen, da die Anerkennung untereinander nicht funktioniert. Das müsse nach Lippes Auffassung dringend geändert werden.

Neben dem starken ehrenamtlichen Engagement aus der Bürgerschaft braucht es hautamtliche Kräfte, die sich um die Asylbewerber kümmern. Das Deutsche Rote Kreuz sitzt mit zwei Planstellen im Boot. Eineinhalb Stellen sind davon besetzt. Die Stadt sieht als Perspektive ein „Kommunales Integrationszentrum für Coesfeld“ in der Bahnhofsstraße. Es soll zu einer zentralen Anlaufstelle für die Flüchtlinge werden. Vielleicht auch eine Begegnungsstätte für alle Menschen, wie sich das Robert Böyer von Pro Coesfeld wünscht.

Was Asylbewerber kosten

Eine wirtschaftliche klare Rechnung kann die Stadtverwaltung nicht auf den Tisch legen. Aber ein paar Kernzahlen werden genannt. So hat die Stadt insgesamt 4,4 Millionen Euro an Erstattung vom Land erhalten. Derzeit wird das als Pauschale ausgezahlt. Das soll sich 2017 ändern. Dann wird Spitz abgerechnet: 877 Euro pro zugewiesenen Flüchtling. Mit einem Gerücht räumt der Dezernent auf. Asylbewerber erhalten weniger finanzielle Zuwendung, wie ein Hartz VI-Empfänger. 330 Euro werden pro Monat ausgezahlt. Von diesem Geld muss sich der Asylbewerber ernähren und seine Freizeitgestaltung bezahlen. Zusätzlich gewährt die Stadt Krankenhilfe für notwendige medizinische Versorgungen.

Das Resümee

Günter Hallay, Fraktionsvorsitzender von Pro Coesfeld kritisiert vor allem die Alleingänge der Parteien: „Jeder kocht sein eigenes Süppchen.“ Pro Coesfeld sucht nach einer parteiübergreifenden Lösung.
___________________________
Stichwort Zuweisungen
___________________________
Es muss zwischen den Zuweisungen in Erstaufnahmeeinrichtungen (Notunterkünfte) und der Zuweisung von Asylbewerben unterschieden werden. Jedes Bundesland hat nach einem Verteilschlüssel, dem Königsteiner Schlüssel, einen festen Prozentsatz an Flüchtlingen aufzunehmen. Nordrhein-Westfalen erhält mit 21 Prozent die größte Quote. Diese Menschen werden zunächst in Erstaufnahmeeinrichtungen versorgt. Menschen mit einer Bleibeperspektive werden ebenfalls nach einem Schlüssel auf die Kommunen verteilt. Um die Kommunen, die Notunterkünfte zur Verfügung gestellt haben, zu entlasten, wurde ihnen die Anzahl der Plätze voll auf die Zuweisung angerechnet. Als Rechenbeispiel mit nicht realen Zahlen: Bei einer Million Flüchtlinge in Deutschland hätte Coesfeld im Jahr 2015 483 Menschen aufnehmen müssen. Wären in den Notunterkünften 300 Flüchtlinge untergebracht worden, hätte Coesfeld 183 Asylbewerber zugewiesen erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.