Internet für Kinder und Jugendliche? Aber sicher! Interview mit Medienreferent Johannes Wentzel

johannes_wentzel_nethexCoesfeld (PM). Der Medienpädagoge Joachim Wentzel, Jahrgang 1971, ist ein Vermittler zwischen der Eltern-Kind-Generation. Für ihn steht die Nutzung des Internets für Kinder außer Frage. Es ist ein, in unserer Gesellschaft, fest etabliertes Informations- und Kommunikationsmedium. Der  Erwachsenenwelt obliegt dabei die Aufgabe einen Rahmen zu schaffen, in denen sich die Kinder frei bewegen können. Denn dieses Medium birgt einige Risiken in sich. Doch es ermöglicht auch den Erwerb neuer Kompetenzen.

Ihr fünfjähriges Bestehen nimmt die Integrative Montessori-Schule Coesfeld zum Anlass, Eltern und andere Interessierte zu einer fünfteiligen Vortragsreihe einzuladen. Den Auftakt bereitete am 25. Juni 2013 ein Abend mit Medienreferent Johannes Wentzel. Passend zum 20. Geburtsjahr des Internets sprach der Fachmann aus Münster über das Thema „Internet für Kinder und Jugendliche? Aber sicher!“.

Für die „Coesfelder Nachrichten“ beantwortete der Medienpädagoge und -referent in der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung einige Interviewfragen:

1.     Kinder und Jugendliche wachsen heute ganz selbstverständlich mit Medien auf – zu selbstverständlich?

Erinnern Sie sich noch, dass es einmal einen Sendeschluss gab und das Fernsehprogramm tatsächlich nachts eine Pause einlegte? Oder an den Walkman oder ein Festnetztelefon mit Wählscheibe? Die Medienwelten haben sich stark verändert, sind umfangreicher und mobiler geworden. Inzwischen umgeben sie uns und sind Teil unserer Alltagskultur geworden. Kinder wachsen mit ihnen auf  und nehmen sie als nichts Besonderes wahr, sie gehören also ganz selbstverständlich zu ihren Lebens- und Erfahrungswelten dazu.

Gerade weil Medien wesentlich präsenter geworden sind, können und sollten Eltern, Schule und alle pädagogischen Akteure dazu beitragen, dass es in der Erfahrungswelt von Kindern und Heranwachsenden zu keinem „Ungleichgewicht“ kommt, dass also Erlebniswelten auch außerhalb von Medien bewusst in den Blick genommen und vermittelt werden. Das können das gemeinsame Spiel, Natur- und Sporterlebnisse sein, je nachdem, welche Interessen und Fähigkeiten das jeweilige Kind hat. So lässt sich eine gesunde Balance zwischen bewusster Mediennutzung und nicht-medialer Förderung gestalten – am besten schon von „klein auf“.

2.     Ein Leitsatz von Maria Montessori lautet: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Wie selbständig sollten Kinder mit Medien umgehen? Und wie können Eltern sie dabei unterstützen?

Obwohl Kinder in eine Medienwelt hineinwachsen und viel selbstverständlicher mit der Technik umgehen, als wir das vielleicht tun, brauchen sie doch, gerade zu Beginn, unsere Begleitung. Denken Sie an das Internet: Neben sehr gelungenen und spannenden Angeboten für jede Alters- und Interessenslage sind „Rotlichtbezirke“ oder gewaltverherrlichende Inhalte nur „einen Mausklick“ weit entfernt. Jüngere Kinder benötigen hier einen ihrer Entwicklung angemessenen geschützten Raum. Den können Eltern ihnen bieten, indem sie z.B. gemeinsam surfen, gute Seiten kennen und auf die Zeiten der Nutzung achten. Aber auch jüngeren Kindern kann vermittelt werden, dass PC, Tablet & Co. nicht nur zum Konsumieren geeignet sind. Viel spannender ist eine aktive und kreative Nutzung, die den Gestaltungsspielraum der Kinder erweitern kann. Auch hier können Eltern (und Schule) gute Anregungen bieten, so dass dann das ältere Kind in der Lage ist, Medien bewusst und selbständig zu nutzen. Bei dieser Begleitung sollten Eltern „Impulsgeber“ sein, die eine geeignete Software, eine Anwendung bekannt machen und dann eine kreative Gestaltung durch das Kind selbst zulassen und es „selbst tun lassen.“

3. Müssen Medien durch Eltern „dosiert“ werden?

Medien gehören zum Alltag, können und sollen Spaß machen. Wie bei vielen Dingen ist es auch bei Medien so: ein „Zuviel“ verdirbt die Freude. Besonders im Vor- und Grundschulalter, sollte eine zeitlich begrenzte Mediennutzung eingeübt werden, auch wenn das manchmal unbequem ist. Hier gilt aber: Jedes Kind ist anders – Eltern sollten die Zeiten an ihrem Kind und nicht so sehr an angeblich allgemeingültigen Zeiten festmachen. Auch Jugendliche, die z.B. PC-Spiele spielen, brauchen manchmal ein Korrektiv. Allerdings müsste man hier schon wissen, welchen Zeitraum „eine Runde“ in dem jeweiligen Computerspiel einnimmt oder ob PC-Nutzung z.B. auch für die Schule erforderlich ist. Übrigens: Ein verregneter Sonntagnachmittag vor dem Fernseher oder eine besonders lange Spieleeinheit am PC bei einem neuen Spiel können auch tolle Erfahrungen sein – gerade weil sie nicht die alltägliche Nutzung widerspiegeln…

4.     Was meinen Sie als Fachmann: Wo liegen die Chancen, wo die Gefahren „neuer Medien“?
Unter „neuen Medien“ verstehe ich z.B. das Internet. Im Internet (egal, ob ich es über PC, Laptop, Tablet oder Smartphone nutze) muss ich wissen, dass nicht alles stimmt, was ich hier finden kann, und muss lernen, Informationen zu prüfen und verschiedene Quellen zu meiner Meinungsbildung heranzuziehen. Ich muss auch wissen, dass ich hier, wie sonst auch, Menschen begegnen kann, z.B. in Chats oder sozialen Netzwerken, die es nicht immer ehrlich und gut mit mir meinen. So wie ein Kind lernt, nicht mit Fremden mit zu gehen, muss auch hier eine gewisse Skepsis und Vorsicht trainiert werden.

Im Internet ist jeder erdenkliche Inhalt zu finden. So muss ich filtern können – was tut mir gut, was sollte ich lieber meiden, auch wenn ich es mir ansehen könnte. Auch diese bewusste und reflektierte Nutzung des Netzes gehört zur Medienkompetenz dazu. Um noch einen Aspekt zu nennen: Nicht alles, was mir hier zur Verfügung steht, ist auch zur Nutzung freigegeben. Ich darf mir nicht alles runterladen, verwenden und weitergeben. Die Kenntnis über Legales und Illegales, das Wissen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist – das gehört heute mit zu den Kompetenzen, die Kinder und Jugendliche besitzen müssen, dazu. Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Internet (und allen anderen Medien) ist aber machbar und erlernbar.

Dann kann ich auch merken, dass das Netz eine Fülle an Informationen bietet, die mir jederzeit zur Verfügung stehen und mir eine aktive Meinungsbildung erlauben. Mit kreativen Angeboten kann ich eigene Ideen umsetzen und meinen gestalterischen Spielraum erweitern, vielleicht eigene Talente entdecken. Über das Internet kann ich auch gesellschaftliche Zusammenhänge und politische Hintergründe besser verstehen – und: Digitale Medien erlauben das Zusammenarbeiten und das Zusammen-Erleben, auch wenn man räumlich voneinander getrennt ist.

5.     Auch war Montessori der Ansicht: „Nicht das Kind soll sich der Umgebung anpassen, sondern wir sollten die Umgebung dem Kind anpassen.“ Wie sieht eine kindgerechte Medienumgebung aus? Was sind passende Angebote und Inhalte?

Eine passende Medienumgebung fängt schon bei der Wahl der Medien an, die ich meinem Kind im Kinderzimmer anbiete. Bücher, CDs mit Musik und Hörspielen sind für jüngere Kinder sicher geeignete Medien. Ein PC mit Internetanschluss sollte aber erst bei entsprechender Erfahrung auch in das Kinderzimmer gelangen. Ein Computer, zu dem die ganze Familie Zugang hat, der über verschiedene Benutzerkonten verfügt und in Sichtweite der Eltern ist, kann aber auch im Grundschulalter gut genutzt werden. Auch ein Handy bzw. ein Smartphone setzt Kenntnis über die Funktionsweisen (eben auch die „Stolpersteine“) voraus.

Auch wenn immer mehr Grundschulkinder hier schon eigene Geräte haben denke ich, dass der Wechsel zur weiterführenden Schule ein geeigneter Anlass sein kann, um über die Anschaffung des „Taschentelefons“ nachzudenken.

Passende Angebote gibt es im Internet für jede Altersgruppe, für jedes Interesse – zum Beispiel sind die Sites www.internet-abc.de und www.blindekuh.de für Grundschulkinder ein spannender Erlebnisraum.

6.     Was kann die Schule tun, um diese Prozesse zu begleiten oder sogar zu steuern?

Schule kann das Thema als eine Aufgabe der pädagogischen Begleitung wahrnehmen und Kindern eine geeignete, altersgerechte Unterstützung anbieten. Zum Beispiel durch das Verwenden entsprechender Websites, wenn der PC im schulischen Kontext genutzt wird. Eltern zu diesem Thema anzusprechen, zu informieren und ihnen einen Gesprächsraum zu bieten, um über Fragen der Medienerziehung miteinander zu sprechen, gehört aber auch zu den Möglichkeiten, die Schule nutzen sollte. Vor allem aber durch eine kreative Nutzung z.B. des Computers wird Kindern bewusst, dass man Medien nicht nur konsumieren, sondern auch aktiv mit ihnen gestalten und eigene Ideen umsetzen kann. Diese Begleitung setzt voraus, dass die Lehrenden und Eltern wissen, was es dafür an Angeboten gibt – das ist aber schnell erlernt und setzt zum Glück auch kein „EDV-Studium“ voraus, sondern vielmehr Spaß am kreativen Arbeiten…

7.     Und zuletzt eine persönliche Frage: Was ist Ihre Motivation, Familien und Schulen in Sachen Mediennutzung zu beraten?

Mit ganz unterschiedlichen Menschen zusammen zu arbeiten – mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen jeden Alters – ist eine spannende und bereichernde Aufgabe. Hier dann auch noch Unterstützung geben zu können, zu diskutieren, selber neue Anregungen zu erfahren und  immer wieder neue kreative Möglichkeiten zu entdecken, wie mit digitalen Medien gesellschaftliche und kulturelle Bildungsaufgaben umgesetzt werden können – was kann es Schöneres geben?

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