„Klug sein allein genügt nicht“

Ursula Günster-Schöning über den Bildungserfolg durch emotionale Intelligenz

Schulkinder der Integrativen Montessori-Schule beim altersübergreifenden Lernen in gemischten Klassen.

Schulkinder der Integrativen Montessori-Schule beim selbstständigen Arbeiten mit dem Material. Dabei Fehler zu machen, gehört dazu. Aber auch sich gegenseitig, durch das gemeinsame Lernen, zu unterstützen. Das fördert das Selbstbewusstsein und stärkt die Persönlichkeit. (Foto Montessori-Schule Coesfeld)

 

Coesfeld (PM). Die Vortragsreihe, mit der die Integrative Montessori-Schule ihr fünfjähriges Bestehen begeht, wurde am 21. November 2013 durch Ursula Günster-Schöning fortgesetzt. Die erfahrene Pädagogin und Dozentin sprach an der Seminarstraße zum Thema „Klug sein allein genügt nicht“ – und belegte damit, dass nicht nur der Verstand über den individuellen Bildungserfolg entscheidet. Die langjährige Erzieherin aus Meppen, die heute als Seminarleiterin, Trainerin und Coach tätig ist, widmete sich an dem Abend vielmehr der emotionalen Intelligenz – und stellte sich unseren Interviewfragen:

 

Coesfelder Nachrichten: Wie genau definieren Sie emotionale Intelligenz?

 

Ursula Günster- Schöning: Ich zitiere hier gern Prof. Dr. Franz Resch von der Kinder und Jugendpsychiatrie Uni Heidelberg: „Die Fähigkeit, Gefühle bei sich und anderen zu erkennen, zu benennen und diese in der Wechselwirkung mit anderen Menschen zu regulieren, um daraus ein statthaftes Bild von sich selbst zu entwickeln und ein gezieltes Verständnis vom anderen Menschen zu entfalten.“

Coesfelder Nachrichten: Woran erkenne ich, wie emotional intelligent ein Kind ist?

 

Ursula Günster- Schöning: Es besitzt eine gute Empathiefähigkeit, kann eigene Bedürfnisse zurückstellen und zu Gunsten anderer verzichten, kann ebenso seine eigenen Gefühle einordnen, benennen und angemessen darauf reagieren / eingehen, äußern, was ihm gut tut – oder eben nicht – und Rücksicht nehmen auf andere.

Coesfelder Nachrichten: Wie wirkt sich dies auf sein Sozialverhalten und seine Umgebung aus?

 

Ursula Günster- Schöning: Das Kind hat eine bewusste Wahrnehmung und Deutung eigener und fremder Gefühle wie z.B. Freude, Schmerz, Trauer, Stolz oder Wut, weiß um die verlässliche Zuwendung eines Erwachsenen bei Angst oder Schüchternheit und kann dieses daher auch an andere weitergeben, hat Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und kann daher auch akzeptieren, dass andere etwas können (vielleicht sogar besser können), kann  eigene  Bedürfnisse wahrnehmen und weiß, dass die nicht immer sofort befriedigt werden können und müssen (Belohnungsaufschub) und besitzt einen gesunden Wagemut beim Ausprobieren neuer Tätigkeiten.

Coesfelder Nachrichten: Was können Eltern tun, um die emotionale Intelligenz ihrer Kinder zu fördern? 

 

Ursula Günster- Schöning: Gerade die Familie hat einen sehr hohen Anteil, da sie für den Aufbau von Vertrauen, Akzeptanz und Wertschätzung zuständig ist. Die zentralen Bezugspersonen sind außerdem unmittelbare Vorbilder, da der Gefühlsdialog bereits in den ersten Lebenswochen beginnt und ein Leben lang nicht mehr aufhört. Mit anderen Worten, wie zeige ich Kindern gegenüber Gefühle, wie benenne ich diese und wie gehe ich damit um. Bin ich somit immer das tolle, starke, überlegene Elternteil  oder zeige auch ich meinem Kind, dass ich Fehler mache, traurig sein kann oder gar Angst habe. Ferner sind klare Grenzen und liebevolle Anteilnahme wichtig, sowie das wir Kindern etwas zu trauen und ihnen vertrauen, nach dem Motto: Versuch es zunächst einmal selbst.

Coesfelder Nachrichten: Welche Möglichkeiten haben die Lehrkräfte?

 

Ursula Günster- Schöning: Für eine fehlerfreundliche Lernumgebung sorgen, d.h.  Fehler dürfen sein! Denn sie liefern uns wertvolle Erfahrungen. Respekt und Wertschätzung im Umgang miteinander, d.h. niemanden beschämen, vorführen oder lächerlich machen und das Aufkommen untereinander sofort ansprechen und unterbinden.  Lernen durch Versuch und Irrtum ermöglichen und Fragen vor Schimpfen. Ferner in den Fächern Kunst, Musik und Sport auf Noten verzichten!  Aber ich denke das dürfen und können sie nicht. Wäre aber genau das Richtige, da in diesen Fächern die Persönlichkeit , also die Ich-Wahrnehmung und das Ich-Erleben im Vordergrund steht.

Coesfelder Nachrichten: Welchen Stellenwert sollte emotionale Intelligenz im Schulalltag haben?

 

Ursula Günster- Schöning: Einen hohen. Deshalb sind Musikklassen z.B. eine tolle Möglichkeit. Denn das gemeinsame Singen und Musizieren fördert das „Miteinander schaffen“, das „Voneinander lernen“ und das  „Aufeinander zugehen“ sowie das „Füreinander da sein“. Das kann man aber auch durch andere gemeinsame Aktionen erreichen. Und die eben benannten Basisfähigkeiten,  bereichern das soziale Miteinander immer gewinnbringend und  wirken zudem positiv befruchtend.

Coesfelder Nachrichten: Warum und wie wirkt sich emotionale Intelligenz auf den Bildungserfolg aus?

 

Ursula Günster- Schöning:  Weil emotionale Intelligenz den Glauben des Kindes an sich selbst beeinflusst. Was glaube ich über mich selbst? Bin ich selbstwirksam? Kann ich etwas? Traut man mir und meinen Fähigkeiten etwas zu? Und habe ich selbst schon erlebt,  dass ich etwas kann und für andere wichtig und wertvoll bin?  Wer all das positiv beantworten kann, ist auch motiviert und bereit, sich auf Herausforderungen immer wieder einzulassen ohne gleich beim erstbesten Widerstand aufzugeben.

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