Der Raum muss dem Lernen folgen

Konstruktive Gedanken zum Umbau des Schulzentrums dem Rat vorgestellt

Über 40 Jahre alt ist das Schulzentrum an der Holtwicker Straße. Jetzt rückt ein umfassender Sanierungsplan ins Blickfeld. Nach dem Umbau soll es Modellcharakter für andere Projekte haben. (Foto hlm)

• Anne-Frank-Hauptschule vererbt rund 2500 Quadratmeter Fläche
• Gemeinsame Nutzung von Räumen durch Gymnasium und Realschule
• Mehr Raum für moderne Lernmethoden
• Fördermittel könnten fließen, wenn der Bezug zum Umfeld hergestellt wird
• Flexible Gestaltung, um zukünftigen Anforderungen zu entgegnen

Coesfeld, 16.02.16 (hlm). In einer Sondersitzung befasste sich der Rat der Stadt Coesfeld am Dienstagabend mit dem Sanierungskonzept des Schulzentrums an der Holtwicker Straße. Das steckt noch in den Kinderschuhen, oder wie es der Gastredner und Architekt Heiner Farwick, vom gleichnamigen Architekturbüro, nennt, in der Phase Null. Null nicht im Sinne von null Ergebnissen, sondern im Sinne eines zukunftsfähigen Modells. In einem sieben Monate langen Prozess entwickelten sich aus den Ideen von Schulleitungen vom städtischen Gymnasium Nepomucenum und Theodor-Heuss-Realschule (THS), Lehrern, Schülern, Eltern und Verwaltung ein fundamentales pädagogisches Konzept – Basis für die Aufstellung einer Raumplanung für das künftige Gebäude. Moderiert und fachlich begleitet hatte sie Raimund Patt vom Entwicklungsbüro Bildung Schulhorizonte. Eine Leitlinie ist, das Haus barrierefrei zu gestalten und dabei ein umlaufendes Flursystem ohne Sackgassen zu erhalten. Ein weiterer Kerngedanke: Die Räume sollen den Bedürfnissen des Ganztages und der Umsetzung moderner Lernmethoden, wie kooperatives und selbstständiges Lernen, folgen. Das bedarf zunächst mehr Platz. Der wird mit 2491 Quadratmetern zur Verfügung stehen, wenn im August dieses Jahres die Schüler der Anne-Frank-Hauptschule zur Kreuzschule wechseln. Fläche allein ist nicht alles. Sie muss der Nutzung passend zugeführt werden. Doch die vorhandenen Unterrichtsräume seien zu klein. Größen von 64 Quadratmetern sind heute Minimalstandard, fand der Architekt Bernd Thies vom Architekturbüro. Er und Heiner Farwick versuchten das pädagogische Konzept in einen wirtschaftlichen Kontext zur Architektur zu bringen. Dass alles soll „unter den gebauten Dächern“ bleiben. So sieht die erste Ideenskizze gemeinsame Lern- und Aufenthaltsbereich für beide Schulen vor, zum Beispiel eine Zentralmensa. Die Eigenständigkeit des Gymnasiums und der Realschule soll bewahrt werden. Kennzeichen dafür sind, neben einem Haupteingang an der Frontseite des Schulzentrums, zwei Nebeneingänge. Für jede Schulform einen. Aber auch eigene, helle Unterrichtstrakte, die sich in unterschiedliche Funktions- und Jahrgangsbereiche konzentrieren, soll es geben.

Lohnt die Investition bei sinkender Schülerzahl?

„Ja“, meint Dezernent Dr. Thomas Robers zu den Investitionen. Beide Schulen sind im Ganztagsbetrieb und leben von einer hohen Einpendlerrate. Der Schulentwicklungsplan von 2015 prognostiziert eine stabile Schülerzahl am Schulzentrum. Diese gilt es langfristig, mit attraktiven Lernorten, zu erhalten. Der Architekt Farwick nimmt die Veränderungen der Schullandschaft im Umfeld deutlich wahr und spricht von Konkurrenz. Schulstandort ist heute zu einem wichtigen Standortfaktor für eine Stadt geworden. Für den Beigeordneten der Stadt, Thomas Backes, geht es um die Sanierung eines über 40 Jahre alten Gebäudes, das am Scheitelpunkt seiner Abschreibung steht. Einiges an Geld wurden in der Vergangenheit in das Gebäude gesteckt – notwenige Erhaltungsmaßnahmen. Mit dem geplanten großen Umbau lässt es sich technisch auf den Stand bringen. Das betrifft nicht nur die Funktion als Lernort, sondern auch energetische und nachhaltige Maßnahmen am Haus selbst. Die Baumaßnahmen greifen auch auf die Außenanlagen. Dabei stehen die Steinhügel und die Betonpilze auf dem Prüfstand. Wolfgang Kraska (FDP) möchte sie lieber lassen, wie sie sind. Nicht nur um Kosten zu sparen, sondern auch die Erinnerungswerte will er erhalten wissen. Gerade an den Betonpilzen haben sich die Abiturjahrgänge künstlerisch verewigt. „Über die Denkmalelemente machen wir uns Gedanke“, verspricht Bürgermeister Heinz Öhmann.

Bezug zum Quartier herstellen

Die Schule soll sich in das Umfeld integrieren und sich der Öffentlichkeit öffnen. Von einer Kooperation mit umliegenden Infrastrukturen, wie Volkshochschule, Musikschule, WBK, Theater, CoeBad, Sportanlage und Bürgerhalle profitieren nicht alleine die Schüler. Die Kommunen in Nordrhein Westfalen erhalten für Schulsanierungen nicht mehr so ohne weiteres Fördermittel. Um sich diese zu erschließen, ist „die Öffnung des Schulzentrums zur Stadt hin und umgekehrt“ – wie es Farwick formuliert – vorteilhaft. Der komplexe Umbau des Schulzentrums soll so Modellcharakter bekommen. Teile der Schule werden temporär schon jetzt nicht nur schulisch verwendet. So nutzen die Bildungsmesse CoeMBO Räumlichkeiten oder im pädagogischen Zentrum wird zu öffentlichen Theateraufführungen oder Diskussionen eingeladen. Das Ganze bewegt sich rechtlich entlang einer Grauzone, die der Rat langfristig mit einem passenden Beschluss klären muss. Den eigentlich ist die Schule eine Schule. Eine andere Nutzung ist nur mit einer Sondergenehmigung möglich. Einen wichtigen Schritt hat die Stadtverwaltung im Vorfeld gemacht: Als 2013 das „Integrierte Handlungskonzept“ erarbeitet wurde, zogen die Planer die Grenze des Betrachtungsraumes vom Stadtzentrum bis in das Schulzentrum.

Die künstlerischen Hügellandschaften auf dem Schulhof führten bei der Entstehung zu kontroversen Diskussion in Coesfeld. Jetzt steht die Zukunft in Frage.

Baulärm: „Es wird schrecklich für Sie“

Der Umbau soll während des Schulbetriebes laufen. Dabei wird versucht den Baulärm zu minimieren, indem ungenutzte Räume als Ausweichräume verwendet werden. Auch lassen sich durch Bauabschnitte und einer Prioritätenliste planen, wann was gebaut wird. Dennoch wird es nicht ohne Belastungen gehen. Vorsorglich hat Farwick den Betroffenen bereits die Wahrheit aufs Brot geschmiert: „Es wird schrecklich für Sie“. Bis die Baumaschinen anrücken, wird noch einige Zeit vorbeiziehen. „Abstimmungsprozesse, Abschnittsbauweise usw. – wir reden nicht über Monate, sondern Jahre“, so der Architekt. Läuft alles rund, könne, nach vorsichtiger Schätzung von Backes, Ende 2017 ein Vorentwurf für das Schulzentrum vorliegen. Möglich, dass 2020/ 2021 der Umbau abgeschlossen ist. Doch das ist nur eine grobe Annäherung. Ähnlich verhält es sich mit den Kosten. „Ich sage dazu keine Zahl“, antwortet Beigeordneter Backes auf Nachfrage eines Ratsmitgliedes. Eine seriöse Einschätzung will er lieber nicht machen. Es gibt nur ein paar Eckdaten. Der Neubauwert des Schulzentrums inklusive der Sporthalle beträgt 48 Millionen Euro. Eine grobe Kalkulation zu Sanierungskosten ohne die räumlich funktionelle Anpassung lautet 16,8 Millionen Euro.

Flexible Gestaltung

Mehrere Ratsmitglieder wollen eine flexible Anpassungsmöglichkeit sehen, um auf zukünftige Anpassungen reagieren zu könne. Direkt fragt Charlotte Ahrendt-Prinz (Bündnis 90/Die Grünen) nach einer theoretischen Nutzung als Gesamtschule. „Wir haben den Auftrag das Konzept mit den beide Schulen zu entwickeln. Aber das Gebäude muss auch das Maximum an Flexibilität geben“, entgegnet Backes.

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