Schuldenabbau durch die NaturBerkel

Neuer Flussverlauf wirkt ökologisch und ökonomisch

Die Berkel floß durch die Coesfelder Landschaft bevor es die erste Siedlung gab und musste sich im Laufe der Stadtgeschichte den Anforderungen der Mensch anpassen. (Foto hlm)

Die Berkel floß durch die Coesfelder Landschaft bevor es die erste Siedlung gab und musste sich im Laufe der Stadtgeschichte den Anforderungen der Mensch anpassen. Zukünftig wird sie ein Stückchen Ökologie zurückerhalten. (Foto hlm)

Coesfeld, 15.10.15 (hlm). Auch wenn es ein gemeinsames Flusssystem ist, das unter dem Dach des Regionale-Projektes BerkelSTADT Coesfeld betrachtet wird: Planerisch getrennt wird die UrbaneBERKEL, mit dem der innerstädtische Flussverlauf in die Stadtarchitektur integriert werden soll, von der NaturBERKEL, die die gesetzlichen Anforderungen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie (EG WRRL) erfüllen soll. In der Öffentlichkeit stand sie in letzter Zeit im Schatten. Dabei ist es der Flussteil, der die ökologische Wegstrecke bereitstellen soll – sozusagen eine barrierefreie Passage für die im Wasser gebunden lebenden Tiere. Sie leistet damit nicht nur einen Beitrag zum Umwelt- und Naturschutz. Sie trägt zusätzlich zum Schuldenabbau bei.

Die NaturBERKEL baut Öko-Schulden ab

Als die Soldaten aus der Freiherr-vom-Stein-Kaserne in Flamschen am 15.12.2008 abzogen und seither auf dem Gelände des neu entstandenen Industrieparks Nord.Westfalen (IPNW) unter anderem Kipper für die Landwirtschaft entstehen, gab es für die ökologische Bilanz der Fläche ein Minus. Denn aus einem alten Kasernengelände wurde ein Industriegebiet. Die Schaffung der Naturschutzfläche „Grüne Mitte“ auf dem Gelände reichte nicht aus, um dieses Minus auszugleichen. Auf dem Schuldenkonto stehen 235000 Ökopunkte. Die Stadt Coesfeld, als Besitzer der Fläche, muss dieses Defizit ausgleichen. Aktuell hat die Stadt auf dem eigenen Ökokonto 66000 Punkte (Stand Juni 2015). Dieses Plus hätte nicht zum Stopfen des Loches gereicht. Sie musste das Konto entweder durch eigene Maßnahmen oder durch Zukauf von Ökopunkten von Dritten ausgleichen. Die Verwaltung hat sich für letzteres entschieden und die Zusammenarbeit mit dem Dezernat 33 – Ländliche Entwicklung/Bodenordnung der Bezirksregierung Münster gesucht. Das ehemalige Amt für Agrarordnung agiert als Dienstleister im ländlichen Raum und hat Erfahrung mit solchen Projekten. Es arbeitet hier konkret für die Teilnehmergemeinschaft  der Flurbereinigung Berkelaue II, einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, der alle am Flurbereinigungsverfahren Beteiligten angehören. Dazu gehört auch die Stadt Coesfeld. Seit den 1990er Jahren tauschen die Experten Flächen auf den Landkarten für das Gebiet der Berkelaue hin und her, um Agrarstruktur, Natur- und Gewässerschutz und Infrastruktur in Einklang zu bringen. Und hier kommt die Schnittmenge mit dem Industriepark. Das Dezernat hat gut zehn Hektar der Fürstenwiesen, mit einem aktuellen Wert von 393000 Ökopunkten, verfügbar gemacht. Der monetäre Wert dieser Punkte lässt sich nicht einfach in Euro umrechnen. Er unterliegt marktwirtschaftlichen Prinzipien von Angebot und Nachfrage. Aber auch vom Istzustand der Fläche.

Stand der Planung

Aktueller Planungsstand zur Schaffung eines Flussaue im HRB Fürstenwiese (Quelle: Abwasserwerk Coesfeld / Hydrotec / Koenzen und Partner)

Aktueller Planungsstand zur Schaffung eines Flussaue im HRB Fürstenwiese (Quelle: Abwasserwerk Coesfeld / Hydrotec / Koenzen und Partner)

Die Planer favorisieren das Modell, die Berkel in die Fürstenwiese zu verlegen. Damit würde aus der jetzigen ökologisch weniger wertigen grünen Wiese eine hochwertige Flussauenlandschaft. Der ökologische Werte der Fläche steigt an – finanziert mit bis zu 80 Prozent Fördermitteln. Der 20% Eigenanteil kann dann – zumindest zum Teil – aus dem ökologischen Ausgleich für das IPNW finanziert werden. Denn zur Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie stehen Fördertöpfe für den ökologischen Ausbau von Fließgewässern zur Verfügung. Für die NaturBERKEL kalkulieren derzeit die Planer ein Investitionsvolumen von rund 6,3 Millionen Euro, bei einem Eigenanteil der Stadt von 1,7 Millionen Euro.

Bei dem Umbau bedarf es eines Spagates zwischen Hochwasserschutz, der eingehalten werden muss, und ökologischen Mindestanforderungen. Dazu haben sich Experten verschiedener Bereiche zusammengefunden und die Modelle 2013 in einer Machbarkeitsstudie der Öffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt. Sie haben ein Grundgerüst, mit einzuhaltenden und unverrückbaren Bedingungen. Wie diese umgesetzt werden, ist mit einer Knetmasse zu vergleichen. Sie ist im Laufe des Planungsprozesses oft umgeformt worden. Grob umrissen wird es unterhalb der Stadt Coesfeld – im Bereich der Friedhofsallee – einen aufgewerteten ökologischen Berkelabschnitt geben. Von hier aus können sich, speziell in dem Gewässertyp vorkommende, Tierarten flussaufwärts über die Umflut, Fegetasche und Berkel ausbreiten. Vor der Stadt, im Hochwasserrückhaltebecken (HRB) Fürstenwiese, finden sie den ökologisch aufgepeppten Auenstreifen als zweite Heimat. Nicht nur für die Tier- und Pflanzenwelt ist dieser Bereich geplant, sondern ein Fuß- und Radweg mit einer Holzbrücke erschließt ihn in Teilen für die Naherholung.

Zusätzlicher Lebensraum

Der jetzige, parallel zum HRB verlaufende Berkelabschnitt soll zu einem Altarm, mit stehendem Gewässercharakter, werden. Mit dem zusätzlichen Lebensraum (Habitat) erweitert sich das Angebot für charakteristische Tierarten. Ursprünglich sollte das Wasser aus dem oberhalb zufließenden Hohnerbach den Altarm zusätzlich speisen. Dauermessungen haben gezeigt, dass die Wasserqualität des kleinen Baches aus den Sieben Quellen dafür nicht ausreicht. Die zusätzliche Stofffracht würde den Altarm mit Nährstoffen überversorgen. Der Hohnerbach wird der neu zu gestaltenden Flussaue direkt zugeführt. Wasser wird der Altarm auch so zu genüge halten, versichern die Planer und nehmen damit den Anwohnern an der Billerbecker Straße die Sorge vor negativen Auswirkungen auf das Wohnumfeld durch Geruchsbildung oder Mückenplagen.

Die Berkelaue oberhalb des Konrad-Adenauer-Rings visieren  die Planer als zusätzliches Überflutungsfläche an. (Foto hlm)

Ein weiteres Überschwemmungsgebiet

Die jetzige Geländeformation des HRBs Fürstenwiese kann im Extremfall nicht genügend Wasser in der Aue zwischenspeichern. Es bedürfte einer kostenintensiven Ausbaggerung und Geländemodellierung, die mit dem Vernichten von landwirtschaftlich wertvollem Nutzflächen einhergeht. Ein Alternativvorschlag ist die Schaffung einer Drossel vor der Brücke der Umgehungsstraße so dass zusätzliche Flächen zur kurzfristigen Speicherung von Hochwasser entstehen. In der Karte haben die Planer landwirtschaftlich genutzte Flächen oberhalb der Konrad-Adenauer-Straße markiert. In der Modellrechnung könnten hier bis zu 70000 Kubikmeter Hochwasser zurückgehalten werden.

Vorstellung zur Umbettung des Honigbaches im Stadtpark (Quelle: Abwasserwerk Coesfeld / Hydrotec / Koenzen und Partner )

Vorstellung zur Umbettung des Honigbaches im Stadtpark (Quelle: Abwasserwerk Coesfeld / Hydrotec / Koenzen und Partner )

Neues Bett für den Honigbach

Modifiziert werden soll auch der Verlauf des Honigbaches im Stadtpark. Zurzeit bildet er die Hauptversorgung der Fegetasche mit Wasser. Konzeptionell soll er der Geländeneigung folgend durch den Stadtpark zur Berkel hin mäandrieren. Über die Zukunft des vorhandenen Ententeichs und des Spielplatzes muss diskutiert werden.

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