Schlagwort: Digitale Arbeitswelt

Arbeiten mit Kollege Roboter

Industrie 4.0 ist nicht einfach eine technische Revolution

Coesfeld, 02.11.16 (hlm). „Die Potenziale können wir noch nicht abschätzen“, dimensioniert Dr. Jürgen Grüner (Wirtschaftsförderung Kreis Coesfeld). Er findet Bestätigung durch nickende Köpfe bei den Anwesenden des offenen Forums bei der Digital Akademie West im Hause von Cosoft. Die Gründer der kürzlich eröffneten Weiterbildungseinrichtungen haben für eine Diskussionsrunde zur Digitalisierung der Arbeitswelt Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Finanzen in den Seminarraum geholt.

Digitale Arbeitswelt

Weiterbildung ist ein Schlüssel für die Industrie 4.0. Darüber herrscht Einigkeit bei (v.r.) Prof. Dr. Carsten Feldmann, Lars Göntgens, Heinz Öhmann, Dr. Jürgen Grüner, Christofer Weßeling und Jaron Heskamp. (Foto hlm)

Das Zeitalter der Industrie 4.0 ist nicht einfach eine branchenunabhängige technische Veränderung der Produktionsprozesse durch Automatisierungen. Das wird aus den Ausführungen von Prof. Dr. Carsten Feldmann (Fachhochschule Münster) in seinem Impulsvortrag deutlich. Die gesamte Arbeitswelt steht vor einer Veränderung, die sich nicht nur in der optimierten Schaffung von Produkten oder Dienstleistungen auswirkt. Dr. Jürgen Grüner (Wirtschaftsförderung Kreis Coesfeld) schätzt, dass 42 Prozent aller Arbeitsplätze durch die Digitalisierung verändern werden. Berufsbilder werden sich verschieben, Anforderungen verändern. Für Lars Göntgens (Coesoft) ist die Digitalisierung eine Unterstützung und Vereinfachung von alltäglich wiederkehrenden Prozessen.

Das braucht als technische Infrastruktur schnelle Datenleitungen. Da ist der ländliche Raum bisher eher Schlusslicht. Der Kreis Coesfeld gehe mit gutem Beispiel voran, schließlich seien rund 40 Prozent aller Haushalte an eine schnelle Internetleitung angebunden, so Dr. Grüner. Der Ausbau des Glasfaser- und LTE-Netzes schreitet voran. Coesfeld und andere Städte gehen bereits weiter. Kostenlose Hotspots ziehen Besucher in die Fußgängerzone. Jetzt fehlen die Schnittstellen, um aus den Besuchern Kunden zu machen. Voraussetzungen dafür sind, den Umgang mit der Technik zu verstehen und für sich zu entdecken. Prof. Dr. Feldmann zeigt den Widerspruch auf, der zurzeit in der Unternehmerwelt besteht. 2/3 sehen deutlich den Bedarf an Weiterbildung. Aber nur 36 Prozent setzten das in die Tat um.

Christofer Weßeling, Dozent bei der Digital Akademie West, sieht in den Weiterbildungs- und Qualifizierungsangeboten zur Digitalisierung der Arbeitswelt wichtige Haltepunkte für die Mitarbeiter in der Region. Der Kreis Coesfeld steht mit seiner niedrigsten Arbeitslosenquote in Nordrhein Westfalen sehr gut da. Aber unbesetzte Stellen wirken sich langfristig negativ auf die Produktivität aus. Die Region zu einem Magnet für Beschäftigte zu machen, wird eine Kernaufgabe für die nächsten Jahre sein. Es braucht Strukturen, die über das Weiterbildungsangebot hinaus reichen. Bürgermeister Heinz Öhmann sieht die Kreisstadt gut positioniert und hebt Coesfelds breites Bildungsangebot heraus.

Automatisierung bei Weiling: Im Hochregallager rasen selbststeuernde Wagen über Schienen und stellen bestellte Produkte zusammen. (Foto hlm)

Automatisierung bei Weiling: Im Hochregallager Autostore rasen selbststeuernde Wagen über Schienen und stellen bestellte Produkte zusammen. (Foto hlm)

Dass die Digitalisierung der Arbeitswelt in Coesfeld längst real ist, zeigt das Hochregallager Autostore von Weiling. In dem Chaos von übereinandergestapelten Kisten in einem großen Kubus kennt sich nur der Computer mit seinen selbststeuernden Wagen aus. Mehrere der digitalen Gefährte rollen zeitgleich über ein Schienenraster, ohne miteinander zu kollidieren. Das System kennt exakt die Position der Produkte und kontrolliert vollautomatisch den Lagerbestand. Rationalisierung mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen – der Gedanke kommt unmittelbar.

Nur den Verlust zu sehen, ist zu einfach. Die Arbeitswelt ist in einem Umwandlungsprozess. Für Beschäftigte ändern sich die Anforderungsprofile. In der Publikation „Zukunft der Arbeit in Industrie 4.0“ (Springer Vieweg Verlag) sieht der Soziologe Ulrich Bochum in der digitalisierten Arbeitswelt einen Beschäftigten mit mehr Eigenverantwortlichkeit und Selbstentscheidungswillen. Da knüpfen Akzeptanz, Aufgeschlossenheit und letztendlich Bildung und Erziehung direkt an. Industrie 4.0 ist eben nicht nur einfach auf der wirtschaftlichen Perspektive zu betrachten. Es ist die vierte industrielle Revolution,die wir mitgestalten können. Eine Welt, in der auch die Frage der Handhabung von elektronischen Daten neu diskutiert und bewertet werden muss. Diese werden zum wertvollsten Gut. Es muss vor ungewollten Zugriffen geschützt werden. Andererseits erfordert es mehr Transparenz darüber, wer welche Daten sammelt. Nur so kann jeder einzelne seine persönliche Schlussfolgerungen und Konsequenz ziehen.