Im Gespräch mit Oberst a.D. Jürgen Hübschen

Coesfeld, 14.05.20011 Heute lebt Oberst a.D. Jürgen Hübschen in Greven. Er stammt aus der 45er-Generation. Jener Generation, die das Ende und die politischen Auswirkungen des zweiten Weltkrieges geprägt hat und die aus den Trümmern des Landes die demokratische Bundesrepublik mit aufgebaut hat. Seine Kindheit hat Hübschen hier in Coesfeld erlebt. Von diesem Erlebten wird er später in seinen Büchern erzählen. Doch es vergehen noch viele Jahre vom Luftwaffenoffizier zum Buchautor. So wird der Offizier Hübschen vom Auswärtigen Amt in den Jahren 1986 bis 1989 zum Militärattachee in Bagdad ernannt. Bevor er als Referatsleiter in das Bundesministerium der Verteidigung wechselt, leitet er in den 90er-Jahren eine OSZE-Mission in Lettland. Seit 2004 ist Jürgen Hübschen in Pension und hat mehrere Bücher zu den Konfliktsituationen in den Gebieten Irak und Nahmittelost veröffentlicht. Aber er hat nicht nur kritische Literatur geschrieben. Mit den belletristischen Werken „Badetuch und Wundertüte“, „Der Lack ist ab – na und“, „Hecht ist leider aus“ und den Kinderbüchern, mit dem Hasen Antönnchen als Hauptfigur, spricht er alle Generation an.

Am Freitag, 13.05.2011, war Herr Hübschen zu Gast im Montessori-Kinderhaus, um den Kindern aus einem seiner Kinderbüchern Geschichten vorzulesen. Herr Hartmut Levermann nutzte bei einem Gespräch die Chance, die persönliche Meinung eines Nahmittelost-Experten zu den aktuellen Ereignissen einzuholen.

Auf Ihrem Blog Sicherheits-Bulletin äußern sie sich kritisch über Merkels spontane Aussage, sie freue sich über die Tötung von Osama bin Laden. Geht die Regierung einen falschen Weg?

Nein, ich finde man kann es so nicht sagen. Osama bin Laden ist ein Verbrecher. Da geht gar kein Weg daran vorbei. Aber wir alle behaupten, wir leben in einem Rechtsstaat und haben hohe moralische Normen. Wenn ich diesen Anspruch für mich erhebe, dann kann ich ihn nicht außer Acht lassen, wenn es um jemand geht, der außerhalb dieser Normen lebt. Die Tötung eines Menschen kann kein Anlass zur Freude sein. Ich kann sagen: „Ich bin froh, dass er weg ist.“. Aber Frau Merkel hat gesagt: „Ich freue mich, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten.“ Eine solche Aussage kann ich in unserem Wertesystem und als Bundeskanzlerin eines Landes nicht machen.

Den Mann zu liquidieren, halte ich für nicht richtig. Nach unseren Normen muss ein Verbrecher festgenommen werden und vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Dieses Gericht entscheidet über die Bestrafung. Das ist unser System. Das unterscheidet uns, Gott sei Dank, von Diktaturen. Aber die amerikanische Regierung sieht das offensichtlich anders. Sie erkennt ja auch den Internationalen Gerichtshof als juristische Instanz nicht an. „Justice has been done“, sagte Präsident Obama nach der Tötung Bin Ladens. Nach meiner persönlichen Ansicht ist das nicht Aufgabe einer Regierung, sondern eines unabhängigen Gerichts.
Aber in ihrem Rechtsverständnis steht die jetzige US-Regierung ja durchaus in der Tradition ihrer Vorgänger. Stichwort: Völkerrechtswidriger Einmarsch in den Irak.
In Libyen war die US-Regierung nicht die treibende Kraft, weil Libyen nicht im unmittlebaren nationalen Interesse der USA liegt .
Hier war es der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der sich als ehemaliger Partner Ghaddafis persönlich düpiert fühlte, als die Welt den libyschen Herrscher plötzlich als das bezeichnete, was er immer war, nämlich ein Diktator.Ein solches militärisches Eingreifen fremder Staaten in innere Angelegenheiten eines Landes ist übrigens völkerrechtlich nur dann erlaubt,, wenn es um Genozid geht. Der ist in Libyen, nach allem was als gesicherte Erkenntnis vorliegt, aber nicht verübt worden.
Die Bundesrepublik hat sich bei der Libyen-Resolution im Weltsicherheitsrat enthalten. Das war durchaus o.k., aber wenn sie noch mehr Mumm gehabt hätte, hätte sie dagegen stimmt. Schließlich musste man nach den bisherigen Erfahrungen damit rechnen, wenn eine UN-Resolution dem Inhalt nach den Einsatz militärischer Mittel ermöglicht, reduziert es sich normalerweise auf das. Und das ist jetzt in Libyen genau der Fall. Niemand versucht mit Gaddafi zu reden, um eine politische Lösung zu finden, obwohl der libysche Herrscher z. B. noch im November letzten Jahres Gastgeber des Europa-Afrika Gipfels in Tripolis war.

Haben die Aussagen und die Haltung der Bundeskanzlerin Auswirkungen auf die Sicherheit deutscher Soldaten in den verschiedenen Einsatzorten, wie zum Beispiel Afghanistan?

Nein, das glaube ich nicht.

Diesen Krieg in Afghanistan gibt es nur im Kontext mit dem 11.September 2001 – dem Anschlag auf das World Trade-Center in New York- für den Osama bin Laden verantwortlich zeichnet. Von den 19 identifizierten Attentätern, kamen 13 aus Saudi Arabien; waren Wahabiten – das ist eine konservative und aggressive Gruppe des Islam. Kein einziger Terroranschlag der letzten 10 Jahre, egal ob in Bali, ob in Tunesien, ob in Madrid, ob in England oder sonst wo, der nicht zurückzuführen gewesen wäre auf die Wahabiten-Schulen. Das heißt, der Drahtzieher, der hinter allem steckt, ist diese Glaubensrichtung des Islam, repräsentiert an der Spitze, durch das saudische Königreich. Warum packt die keiner an? Die Antwort finden sie bei uns allen. Da müssen wir uns alle an die Nase fassen. Wir fahren doch alle Autos – oder?

Und noch eine letzte Anmerkung: Es gibt bis heute keinen einzigen verhafteten Terroristen afghanischer Nationalität.

39 Jahre waren Sie bei der Bundeswehr. Sie ist jetzt bei seiner größten Umstrukturierung. Die Wehrpflicht haben viele als wichtige demokratische Kontrollfunktion der Bundeswehr gesehen. Nun wird diese Wehrpflicht abgeschafft.

Das ist ein kapitaler Fehler gewesen. Dieses Thema der Wehrgerechtigkeit ist für mich nur ein Vehikel gewesen. Man hätte auch ein Jahr für die Gemeinschaft, ein soziales Jahr, installieren können. Junge Mädchen und Jungen hätten auswählen können, was sie machen wollen. Ob sie im Kindergarten helfen, ins Altenheim gehen, zum THW, auf eine Intensivstation im Krankenhaus oder zur Bundeswehr. Das hat man aber nicht gemacht.

Über 50% des Nachwuchses der Bundeswehr hat man aus den Wehrpflichtigen gezogen. Das waren Menschen, die sich während ihres Wehrdienstes über die Zukunftsmöglichkeiten bei der Bundeswehr informiert haben und sich dann bewusst für mehrere Jahre verpflichtet haben. Das waren also keine spontanen Entscheidungen, sondern diese Männer und Frauen hatten bereits am Leben bei der Bundeswehr teilgenommen. Die Chance, dass sie sich in ihrer Berufswahl getäuscht hatten, war damit vergleichsweise gering.

Und, nicht zu vergessen, die Wehrpflicht war der Austausch mit der Gesellschaft.

Aber es gibt an anderer Stelle ein Problem. Der Ersatzdienst war für einen jungen Mann die Alternative zur Bundeswehr. Fragen Sie beim THW oder der freiwilligen Feuerwehr nach. In manchen Ortsgruppen macht der Anteil die Hälfte aus. Und was passiert jetzt, wo die Wehrpflicht abgeschafft ist? Das freiwillige soziale Jahr, dass diskutiert wird, ist eben freiwillig. Vorher war die Verpflichtung zur Bundeswehr zu gehen oder Ersatzdienst zu leisten quasi eine Art Anschub, sich für die Gemeinschaft zu engagieren.

Was sagen Sie zu den Vorfällen in der Freiherr-von-Stein-Kaserne, die jetzt noch einmal Gegenstand einer gerichtlichen Aufarbeitung sind?

Zu diesen Vorfällen in Coesfeld kann ich nicht viel sagen. Ich war selbst nicht dabei. Vorstellen kann ich mir nur, dass manche Ausbilder versucht haben, eine realitätsnahe Ausbildung zu machen. Das auch vor dem Hintergrund des anstehenden Einsatzes in Afghanistan. Das Ausbildungsziel war es, die Personen mit solchen Situationen zu konfrontieren, damit sie im Ernstfall, zum Beispiel bei einer Entführung, besser zurechtkommen. Da ist der Grad zwischen realitätsnaher Ausbildung und Schikane natürlich ganz schmal.

Neben der Literatur, die sich um die Krisensituationen im Irak und Nahmittelost drehen, haben Sie auch Gutenacht-Geschichten für Kinder geschrieben. Hier im Montessori-Kinderhaus sind Sie heute zu Besuch, um aus Ihrem Buch „Antönnchen will fliegen lernen“ vorzulesen. Es ist das letzte Buch aus der Trilogie um den kleinen Hasen. Oder wird es doch noch weiter gehen?

Nein, dass mit den Kinderbüchern ist ein Versprechen, das ich unserer Tochter gegeben habe. Für sie und ihren älteren Bruder habe ich die Geschichten erfunden und mit einem Kassettenrekorder aufgenommen. Damit war ich, wenn ich unterwegs war, wieder ein bisschen in der Nähe.
Jahre später, meine Tochter war schon längst erwachsen, fand sie die Gutenacht-Geschichten wieder und hörte sie sich an. „Papi, diese Geschichten dürfen nicht einfach verschwinden. Du musst was daraus machen.“, war ihre Aufforderung. Und so habe ich von den Kassettenbändern den ersten Buchband, gemeinsam mit der Illustratorin Frau Russell, neu geschrieben. Nun dachte ich, ich wäre aus dem Schneider. Aber dann habe ich meinem ältesten Enkel eine Geschichte erzählt, die nicht im Buch stand. Das hat er gemerkt. So kam das zweite Buch um den Hasen Antönnchen zusammen. Und damit ich nicht noch einmal auf die Nase falle, habe ich gleich den dritten Band geschrieben. Nun ist Schluss. Aber nicht mit dem Schreiben. Ob ich irgendwann wieder ein Kinderbuch schreibe, da will ich mich jetzt nicht festlegen.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Hübschen. Die Kinder warten schon aufgeregt auf Ihre Geschichten um Antönnchen.

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